Das Evangelium erzählt uns, wie Jesus über das Wasser geht. Es ist spannend zu fragen, warum Jesus so etwas tun kann. Dazu muss er erst seine Jünger verschicken. Er will den Schutz der Gemeinschaft verlassen und sich erst seiner eigenen Angst stellen. Er betet in der Einsamkeit, er sucht seine Mitte, er findet sie und spürt die Kraft Gottes in sich gegenwärtig. So wird er fähig über das Wasser zu gehen und den Jüngern zu helfen, die in den Gegenwind geraten sind.
Jetzt bringt Matthäus Petrus ins Spiel. Er gerät in den „Schlüsselkonflikt“ des menschlichen Glaubens. Er findet den Mut auf Jesus zuzugehen. Kaum aber macht er Schritte heraus aus seiner gewohnten Umgebung und damit aus seinen „Absicherungen“, gewinnt die alte Angst die Überhand. Nur die Hand Jesu rettet ihn vor dem Untergang. Matthäus schildert diese Szene, weil er vorbeugen will, weil er die „Glaubensangst“ der frühen Christen kommen sieht und weil er die Angst der Verlassenheit der Herde ohne Hirten kennt. Seine Frohe Botschaft sagt: Die Hand Jesu wird dich halten, wenn du unterzugehen drohst. Fürchte dich nicht, denn du bist erlöst.
Die Geschichte aber hat noch eine andere Ebene: Im psychischen Sinn symbolisiert Wasser den Bereich der Seele. Jesus ist so ganzheitlich und gesund, er ist in seiner Mitte so gesammelt und mit dem Vater eins, dass er auf dem Wasser der Seele mit festem Schritt wandeln kann. Petrus aber, den Jesus den Felsen (!) nennen wird, Petrus ist es nicht. Kaum verlässt er sich auf die Größe seines Glaubens, schon droht ihn seine Angst zu verschlingen. Wer aber rettet ihn aus seinen seelischen Ängsten? Es ist Jesus, der hier erstmals im Evangelium „Gottessohn“ genannt wird. Der Titel Gottessohn steht in der Antike auch für den König im spirituellen Sinn. Jesus ist der König, dessen Saum bei Berührung schon heilt. Jesus ist der Retter von der Angst, Jesus ist der heilende Arzt. Er ist der, der dich lehrt, auf den Wassern deiner Psyche zu gehen.
Wirklich glauben, sagt Jesus, wirklich glauben tut der Mensch, wenn er sich nicht mehr fürchtet und durch die Angst hindurch Gott schauen kann. Dann beginnt das Gottesreich sich in der Welt auszubreiten. Jesus kämpft nicht für das Gesetz und für die Propheten und er kämpft nicht dagegen. Den Feind, den er einzig besiegen will, das ist die Angst. Gegen diese Angst aber setzt er seine Hand, die uns entgegengestreckt bleibt, um uns aufzunehmen, wo wir zu versinken drohen. Diese Hand aber ist die Hand Gottes in unseren Händen.
Michael Zanon ist Lehrer für Deutsch und Religion in Fulpmes.