Im Evangelium von der Erhörung der Bitte einer heidnischen Frau schildert Matthäus eine spannende Entwicklung einer Mutter von der Überfürsorge weg zu einem heilsamen Loslassen ihrer Tocher, die von einem Dämon besessen ist. Im Hintergrund stehen die Fragen: Was macht Kinder krank? Wie können sie heil und gesund werden? Was ist eine gute Erziehung? Was brauchen Kinder um dämonenfreie Erwachsene werden zu können? Und weitere Fragen schließen sich hier an: Wie sollen Eltern reagieren, wenn ihnen die eigenen Kinder buchstäblich fremd werden, oder wenn sie wie unter der Leitung eines bösen Dämonen handeln, oder wenn sie von Mächten jenseits der Liebe wie besessen scheinen?
Das Evangelium rät uns durch diese Mutter zweierlei: Erst wenn du dich änderst, wird dein Kind gesund werden und du musst die Hilfe außerhalb suchen. Sie traut Jesus zu, dass er die Tochter heilen kann und sie gibt damit die Verantwortung aus ihren Händen. Vielleicht war es ja gerade der Dämon der Überfürsorge, der die Tochter nicht ins eigene Leben finden hat lassen. Jetzt aber kommt die Ahnung aus einer tiefen Einsicht und dem erlebten Leid heraus: Ich muss die Kontrolle über meine Tochter aufgeben! „Denn das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Kontrolle!“(Richard Rohr) Fürsorge nennen es viele Eltern, und es ist doch nur das Ausüben der elterlichen Macht über die Kinder, und sie verhindert den lebensnotwendigen Abschied der Kinder aus ihrem Kindsein und damit den Weg in die Selbständigkeit.
In dieser Evangeliumsstelle gelingt der Mutter dieser Abschied von ihrer Fürsorge. Sie gibt die Tochter in den Segensbereich Jesu und damit in die Sphäre des Gottvertrauens. Damit entlässt sie die Tochter aber auch in die Selbständigkeit. Letztendlich glaubt sie an die Möglichkeit der Heilung jenseits ihrer eigenen Macht. Damit verzichtet sie auf ihren Anspruch, Quell der Gesundheit der eigenen Tochter zu sein, und verliert so ihre dämonische Wirkung. Die Heilung gelingt. Jesus sagt: Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war die Tochter geheilt.
Was hier in unglaublicher Dichte exemplarisch dargestellt ist, braucht in unserem Leben oft Jahre oder gar Jahrzehnte, ist aber unumgänglich. Unsere Verantwortung als Eltern liegt nicht nur in der Fürsorge für unsere Kinder, sie liegt ganz entschieden auch im Mut, die Kinder einer größeren Sphäre der Wirklichkeit, nämlich der göttlichen, im ganzheitlichen Sinne anvertraut zu wissen.