Um die Fragen nach Gott, die religiöse Macht und das Jesusgeheimnis kreisen die Lesungen und das Evangelium dieses Sonntags. Jesu Frage an die Jünger, für wen die Leute ihn denn hielten, bringt als Antwort den Vergleich mit verschiedenen wichtigen Gestalten der jüdischen Religion. Die einen hielten ihn für Johannes den Täufer, andere hielten ihn für Elija oder Jeremia oder sonst einen Propheten. Jesus fasst die Frage dann enger und will die Ansichten der Jünger wissen. Er erhält von Petrus die Antwort: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“
Welche Antwort gäben wir, stellte Jesus an uns die Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Wer ist mein Gott und wie schauen im Lichte dessen mein Weltbild und mein Menschenbild aus? Die Antwort auf diese Frage ist für jeden Glaubenden persönlich von großer Tragweite, weil sie mittelbar alles beeinflusst. Sie ist der Hintergrund, auf dem die Formen unseres Lebens Gestalt annehmen, sie trägt die Gefühle, Einstellungen und Handlungen, mit denen wir allem Lebendigen begegnen. Viele Leute sind sich der Tiefe ihrer eigenen Existenz überhaupt nicht bewusst, sie sind daher von der Quelle des Göttlichen in ihrem tiefsten Inneren weit entfernt.
Meister Eckhart spricht vom „göttlichen Seelengrund“ in uns. Dieser „göttliche Seelengrund“ in uns allen birgt das Geheimnis, dass Gott in uns hineingelegt hat. Das „Ausleben“ dieses Geheimnisses ist der religiöse Sinn unserer Existenz. Nach einem Wort des jüdischen Theologen Martin Buber ist die Welt nicht das Spielzeug Gottes, sondern die Welt ist das Schicksal Gottes. Ob dieses Schicksal Gottes „mit seiner Welt“ ein gutes oder ein schlechtes ist, hängt also davon ab, ob wir unser innerstes Geheimnis lebendig werden lassen können.
Die Frage nach Gott, gestellt in der Erwartung auf eine objektive Antwort, geht ins Leere, deswegen sind auch alle sprachlichen „Definitionen von Gott“ so dürftig. Sie ist eigentlich nur berechtigt, wenn es sich um eine Frage ins Schweigen hinein handelt, eine Frage also, die ein Schweigen Gottes als Antwort akzeptieren kann. Das Hören auf Gott setzt dieses Schweigen voraus. Je mehr es uns gelingt, die tief in uns liegende Botschaft zu hören, desto mehr werden wir zum „guten Schicksal Gottes“. So können wir, wie Petrus, zum festen (felsigen, wie es im Evangelium heißt) göttlichen Seelengrund vorstoßen, auf dem einzig lebendige Gemeinschaften gebaut werden können, die nicht Gefahr laufen, lebensfeindliche versteinerte Systeme zu werden.
Michael Zanon ist Lehrer für Deutsch und Religion in Fulpmes.