20. Oktober Sonntag der Weltkirche: Lepraärztin Sr. Ruth Pfau im Interview
Ausgabe: 2002/42, Missio, Sonntag der Weltkirche, Aichern, Bischof, Chile, Bio-Schokolade, Bali, Terror
15.10.2002
- Walter Achleitner
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Bild: Bischof Aichern freut sich mit Ronaldo Muñoz, den Initiatoren von Katholischer Jugend und Missio Austria sowie eifrigen Verkäuferinnen über den Erfolg der Jugendaktion 2002.
Für 1.100 der ärmsten Diözesen der Welt ist der kommende „Sonntag der Weltkirche“ ein entscheidender Tag. Nur mit den Spenden aus den wohlhabenden Ländern können sie ihre Dienste aufrechthalten. Dabei geht es längst nicht nur um Geld. Eine „Allianz der Gutwilligen“ gilt es zu stärken, meinte Bischof Maximilian Aichern im Zusammenhang mit der Jugendaktion zum Weltkirche-Sonntag. Eine „echte, soziale und verantwortungsbewusste Globalisierung“ gelte es zu ermöglichen. Dem weltweiten Terror kann der Sonntag der Weltkirche etwas entgegensetzen. Jede Spende ist ein Beitrag gegen aufkeimenden Hass, weil damit auch Hoffnung gespendet wird. Eine der Regionen, in denen mit der Sammlung am 20. Oktober geholfen wird, ist Indonesien. Der Terroranschlag auf Bali hat dort am Sonntag viel Hoffnung zerstört. Die pakistanische Ordensschwester Ruth Pfau nennt im KIZ-Interview ein wirksames Mittel gegen Gewalt: Versöhnung.
Christen in Pakistan: Das ist Psychoterror
Die Welle der Gewalt gegen Christen reißt nicht ab. „Aber es gibt auch viele Zeichen der Solidarität von Moslems“, sagt Ruth Pfau zu den Folgen der Übergriffe auf die Minderheit.
Sie leben seit 42 Jahren in Pakistan. War es für Christen schon einmal so gefährlich?
Pfau: Früher hatten wir keine Schwierigkeiten. Die Christen, sie sind 2,5 Prozent der Bevölkerung, wurden nie als Bedrohung empfunden. Im Gegenteil. Wegen ihrer sozialen Dienste, besonders in Schulen und Krankenhäusern, waren sie geschätzt. Wir haben immer gesagt: Pakistan hat keine Antenne für Fundamentalismus. Mit dem Afghanistankrieg hat sich das geändert.
Aber seit Jahren gibt es Gesetze, die pakistanische Christen diskriminieren?
Pfau: Seit dem Angriff auf Afghanistan vor einem Jahr ist die Situation sehr viel schlimmer geworden. Vorher, das mit dem Blasphemiegesetz, das stimmt. Das wurde jedoch von der Bevölkerung nicht mitgetragen. Vielmehr war es die Meinung in bestimmten Kreisen, die Einführung sei notwendig, damit weiter arabische Gelder ins Land fließen. Es war nicht, weil die Pakistanis davon überzeugt waren. Doch das hat sich heute geändert.
Christen fürchten Irak-Krieg
Bei seinem Amtsantritt hatte Präsident Musharraf angekündigt, das Gesetz zu ändern. Wegen der Fundamentalisten hat er sich jedoch nicht an das Blasphemiegesetz herangetraut. Wenn, wie in Pakistan, ein so aggressives Durcheinander herrscht, dann wird viel schmutzige Wäsche gewaschen. Und jeder weiß, dass das Blasphemiegesetz dazu missbraucht wird, um persönliche Feindschaften auszutragen.
Konzentriert sich die Gewalt vorwiegend auf Städte?
Pfau: Das Kennzeichen dieses Psychoterrors, der momentan auf uns Christen ausgeübt wird, ist ja, dass wahllos Institutionen angegriffen werden. Man weiß nie, wer der Nächste ist. Das Missionskrankenhaus, auf das der erste Anschlag verübt wurde, ist irgendwo in den Bergen. 25 Jahre hat es dort oben friedlich gestanden. Weil es Hilfe von US-Christen erhält, haben wir darin einen Zusammenhang vermutet. Aber jetzt, bei dem Angriff auf das Büro von Gerechtigkeit und Frieden in Karatschi, wurden auch Muslime getötet, die dort gearbeitet haben. Dass die Polizei bei festgenommenen Terroristen eine Liste mit christlichen Einrichtungen gefunden hat, das verstärkt das Gefühl der Unsicherheit.
Befürchten Sie, dass der Terror noch eskalieren könnte?
Pfau: Ja, wenn die USA den Irak angreifen, auf alle Fälle. Da werden sich noch mehr solidarisieren, Mitläufer und Sympathisanten, und es den Terroristen um vieles leichter machen. Also, der Herrgott sei uns Christen gnädig, wenn es dazu kommt. Es ist ohnedies schon alles am Explodieren. In Pakistan haben wir auf der einen Seite Afghanistan, auf der anderen den Konflikt mit Indien um Kaschmir und die Atomwaffen. Und dann der Irak. Was wollen Sie denn da noch erwarten?
Kampf gegen den Terror
Die USA haben Osama bin Laden nicht gekriegt. Diese Leute haben genügend Möglichkeiten, sich in Sicherheit zu bringen. Auch Saddam Hussein werden sie nicht kriegen, und wenn er das ganze Volk dafür opfert. Da kennt er bestimmt keine Hemmungen.
Was wird zum Schutz getan?
Pfau: Die Regierung hat zwar vor christlichen Einrichtungen Sicherheitskräfte aufgestellt. Aber gegen den Terror kann man nichts machen, außer die Terroristen zu schnappen.
Vor unserer Schule stehen vier Männer. Aber was sollen diese unternehmen, wenn Angreifer mit automatischen Waffen kommen? Sie können nur weglaufen. Das wäre auch das Vernünftigste. Denn wir möchten nicht, dass vor den Türen unserer Einrichtungen Familienväter unnötig sterben. Wie erleben Sie persönlich das Klima des Terrors?
Pfau: All diese Vorsichtsmaßnahmen führen dazu, dass man nicht einmal in einer Messe sein kann ohne ständig darauf zu achten, was rundherum passiert. Unsere Situation ist vergleichbar mit der Angst vor Selbstmordattentätern in Israel.Aber das Leben geht dennoch weiter: Blumen blühen, Patienten werden ausgeheilt, Kinder gehen zur Schule, singen, tanzen und boxen sich vor lauter stark werden in der Pause auf dem Schulhof. Wir dürfen es den Terroristen bewusst nicht erlauben, dass ihr Psychoterror erfolgreich ist.
In Ihren Einrichtungen sind 580 Mitarbeiter tätig. Gibt es Anfeindungen?
Pfau: Also, 90 Prozent der Mitarbeiter sind Moslems und keiner von uns Christen fühlt sich da unsicher. In Karatschi habe ich ein ausgezeichnetes Führungsteam. Der Leiter ist überzeugter sunnitischer Moslem. Sein Finanzmann ist ein Buddhist, sein Verwaltungsdirektor ist ein junger geborener Katholik, und sein medizinisch-ärztlicher Leiter war Moslem und ist zum katholischen Glauben übergetreten. Da hat sich im Projekt kein Mensch darüber aufgeregt. Also Angst oder Vorurteile zu haben, das wäre total undenkbar.
Was ermutigt Sie in dieser angespannten Situation?
Pfau: Es ist wirklich ein Zeugnis, das mich immer wieder beeindruckt, wenn die Christen in Pakistan wiederholen: Wir wollen keine Rache. Sie setzen immer wieder ein deutliches Zeichen und sagen: der Weg nach vorne geht nur über das Vergeben. Und das wurde nach dem Attentat in Karatschi Ende September von den Betroffenen als auch von Erzbischof Pereira wiederholt.
Moslems leisten viel Hilfe
Auch das Volk ist total gegen die Übergriffe. Da gibt es immer eine Welle muslimischer Solidarität. Als das Dorf wirklich niedergebrannt wurde, da haben so viele Muslime Notfallhilfe geleistet. Sie sind mit Lebensmitteln, Decken und Kleidung gekommen. Da ist kein Hass im Volk, ganz bestimmt nicht.
Welche Unterstützung wünschen Sie sich aus Europa für die Christen in Pakistan?
Pfau: Dass sich eine ganz entschiedene Opposition gegen den Irak-Krieg bildet. Wenn das nicht der Fall ist, dass Leute wenigstens in kleinen Kreisen oder gar alleine ihre Stimme erheben. Wir wollen doch auch, dass Saddam endlich geht! Nicht aber, dass ein ganzes Volk geopfert wird. Ich wünsche mir kritische Christen, die nicht alles schlucken, was ihnen in den Medien erzählt wird.
Und würde sich hier in Europa eine wirklich beispielhafte Versöhnung zwischen Christen und Moslems ergeben, dann hätte das mit Sicherheit auch Auswirkungen auf das globale Klima.
Interview: Walter Achleitner
ZUR PERSON
Aus Liebe zu den Menschen
„Eigentlich bin ich allergisch auf Auszeichnungen. Aber diese eine ist doch wirklich etwas ganz Besonderes“, sagt Dr. Ruth Pfau über den Magsaysay-Preis. Die Ordensfrau war am 31. August 2002 in der philippinischen Hauptstadt Manila mit dem wichtigsten Sozialpreis Asiens ausgezeichnet worden. Der „asiatische Nobelpreis“ versetzte sowohl die Patienten im „Marie Adelaide Leprazentrum“ in Karatschi als auch die landesweit 580 Mitarbeiter in helle Aufregung: es ist die Würdigung für das Werk der 1929 in Leipzig geborenen Lepraärztin.
Mit 20 Jahren geht Ruth Pfau über die „grüne Grenze“ in den Westen. Im Medizinstudium in Mainz und Marburg begleitet sie die Suche nach einer bestimmenden Kraft für ihr Leben. Sie findet diese im christlichen Glauben: nach ihrer Taufe in der evangelischen Kirche wird sie Katholikin. 1957 schließt sie sich den „Töchtern vom Herzen Mariä“ an. Auf dem Weg nach Indien zwingen 1960 Visaprobleme die Frauenärztin zum Zwischenstopp in Karatschi. Ihre erste Begegnung mit Leprakranken in der pakistanischen Hafenstadt wird das weitere Leben prägen: „Eine wirklich große Liebe trifft man nur einmal.“ Im Rang einer Staatssekretärin berät Dr. Pfau seit 1979 das Lepra- und Tuberkulose-Programm der Regierung in Islamabad. Die Ordensfrau ist Ehrenbürgerin von Pakistan.
AKTION
Das „flaue Gefühl“ im Bauch abbauen
Für Ruth Pfau sind „ganz kleine Aktionen“ besonders wichtig, vor allem im christlich-muslimischen Dialog: „Wir haben heute ja alle muslimische Brüder als Nachbarn.“ Viele Menschen hätten dabei ein „flaues Gefühl im Bauch“, erzählt die Ordensfrau aus ihren Gesprächen in Österreich. „Es ist das Gefühl der Unsicherheit. Muslime deshalb jedoch wie in ein Ghetto zu drängen, das ist falsch.“ Vielmehr ermutigt Ruth Pfau dazu, was sich in 42 Jahren in Pakistan bewährt hat: „Gemeinsam etwas zu unternehmen, was beiden am Herzen liegt. Hier bieten sich zum Beispiel Nachhilfestunden an. Es gibt Freiwillige, die dafür in die Familien gehen. Es ist zwar sehr arbeitsintensiv, aber es führt dazu, dass sich Menschen kennen und schätzen lernen. Wenn sie jetzt an diesen Türkenhäusern vorbeigehen – wo sie früher das komische Gefühl hatten –, dann ruft jetzt ein Kind aus dem Fenster oder winkt eine Frau vom Balkon. Und das flaue Gefühl ist total weg.“
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ZUM THEMA
Nur kein Ärger?
Ein Land der Extreme, von der geografischen Lage bis zu seiner jüngsten Geschichte steht im Mittelpunkt des diesjährigen Sonntags der Weltkirche am 20. Oktober: Chile. 14 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur sind Freiheit und Wohlstand zwei relative Begriffe: gewählte Politiker sind scheinbar machtlos, Mörder von einst bleiben unbehelligt und sämtliche soziale Errungenschaften werden auf dem Altar der Wirtschaft geopfert. Doch auch die katholische Kirche pendelt zwischen zwei Polen: Ist sie eine Kirche der Armen oder will sie nur keinen Ärger mit den Reichen?
Die Aktionen
– Die Spuren chilenischer Kinder zu entdecken, dazu will das Jahrbuch für Kinder anregen. „Condorita“ – ein Riesengeier, reist mit durch das südamerikanische Land.
– Mit 300.000 Riegeln fair gehandelter Bio-Schokolade, die 600 Gruppen in Österreich verkaufen, scheint „fair-zaubert“ zur erfolgreichsten Jugendaktion zu werden.