Vor 60 Jahren wurden Franz Jägerstätter und P. Jakob Gapp von den Nationalsozialisten hingerichtet. Der eine hatte sich geweigert, für das Regime in einen ungerechten und sinnlosen Krieg zu ziehen, der andere wurde als Gegner des NS-Regimes zum Tode verurteilt (siehe Seite 5).
Franz Jägerstätter setzte dem Obrigkeitsdenken seiner Zeit den freien Willen und das Gewissen des Einzelnen entgegen. In einer Zeit, da die so genannte „Volksgemeinschaft“ alles zu sein und der Einzelne sich unterzuordnen hatte, trat er als Mensch auf, der selbst entschied, was richtig und was falsch ist.
Heute wird viel über Individualismus und Selbstentfaltung gesprochen. Es sei wichtig, Grenzen zu ziehen und sich nicht um alles anzunehmen. Das mag stimmen. Aber ist in der „Gesellschaft der Individuen“ nicht eine Tendenz erkennbar, sich der eigenen sozialen Verantwortung zu entziehen?
Individualismus bedeutet vor allem, mündig und verantwortlich selbst zu entscheiden. Gapp und Jägerstätter hatten erkannt, dass sich der Einzelne der Verantwortung über sein Tun und Lassen nicht entziehen kann. Ihr Individualismus bestand gerade darin, so zu handeln, dass sie vor ihrem Gewissen verantworten konnten, was sie taten. Individualismus kann bedeuten, sich gegen ungerechte Mächte und Zustände zu wehren, jedoch nicht, sich einer gerechtenVerantwortung gegenüber dem Mitmenschen zu entziehen. Das Gewissen sollte über unser Tun und Lassen entscheiden.