Vor einiger Zeit hatte ich an dieser Stelle „Stupid White Men“, Michael Moores bitterböse Abrechnung mit den USA vorgestellt. Keine Ab- sondern eine Aufrechnung legte der französische Historiker Emanuel Todd (Bild) mit seinem Essay „Weltmacht USA – ein Nachruf“ vor. Jener Mann, der – für einen Historiker ungewöhnlich – bereits 1976 das Ende der Sowjetunion vorausgesagt hatte, beschäftigt sich darin nun mit dem Ende der USA als Weltmacht. Seine These grob skizziert: Amerikas militärisches Gehabe (z.B im Irak) sind letztlich ein Verschleierungsversuch seiner schwindenden Macht. Das enorme amerikanische Handelsdefizit zeigt, so Todd, dass Amerika wirtschaftlich vom Rest der Welt abhängig ist. Auch die einstige Schutzfunktion als „Weltpolizist“ und Wächter der Demokratie wird Amerika verliehren, weil insbesondere die islamische Welt einen Schritt in Richtung Demokratisierung macht. Die Gefährlichkeit Amerikas beruht letztlich in seiner Gewaltbereitschaft, mit der die Atommacht ihren Abstieg zu kompensieren versucht (siehe Irakkrieg). Das Buch hat spekulative Stellen, es ist aber gerade wegen der größtenteils gut recherchierten Materialfülle und Todds brilliantem Analysestil lesenswert. Selbst dann, wenn die Vorhersage nicht eintritt.
Emanuel Todd: Weltmacht USA – ein Nachruf. ISBN 3-492-04535-9. Piper, München 2003. Preis: E 13,40./b>