Dass ein Film über betende Menschen zu 20 internationalen Festivals eingeladen wird, ist ebenso ungewöhnlich wie sein Schöpfer Ulrich Seidl.
Ulrich Seidl (51) zählt zu den unbequemen und umstrittenen Filmemachern Österreichs. Bereits seine Abschlussarbeit an der Wiener Filmakademie wurde von der Jury abgelehnt. Die Fördergelder musste er zurückzahlen. Seiner Linie blieb er dennoch treu. Mit schonungslosen, oftmals schockierenden Bildern legt er die Schattenseiten der „Fun- und Konsumgesellschaft“ oder des „goldenen Wiener Herzens“ offen. 2001 erhielt Seidl für „Hundstage“ den Preis der Jury beim Festival in Venedig. Der Streifen wurde auch zum Kinoerfolg. Sein deutscher Kollege Werner Herzog sagte einmal, so geradewegs wie bei Seidl habe er im Kino noch nie in die Hölle geschaut. Nun drehte Seidl ausgerechnet einen dokumentarischen Film über sechs betende Menschen. „Jesus, du weißt“ wurde beim Festival in Karlsbad als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet und inzwischen zu 20 internationalen Festivals eingeladen. (So, 7. 9., ORF 2, 23.15).
Seidl sieht seinen jüngsten Film als ein sehr „berührendes Dokument über Menschen, die sich in unterschiedlichen Lebenssituationen an Gott wenden. Wir haben die sechs Betenden aus mehreren hundert Kandidaten ausgewählt. Es sollten Durchschnittsgläubige und keine religiösen Extremisten sein und es sollten wahrhaftige Menschen sein, die vor der Kamera nicht ein Theater aufführen, sondern ihre wirklichen Gefühle und Gedanken zum Ausdruck bringen.“ Eine besondere Herausforderung für ihn war auch, so Seidl, dem sehr intimen Geschehen des Betens gerecht zu werden.