Das Markenzeichen indischer Christen: „Einsatz für Arme“
Bischof Thomas Macwan aus Indien über die Sprengkraft des Glaubens
Ausgabe: 2003/41, Bischof Thomas Macwan, Indien, Katholiken, Ghandi,
08.10.2003
- Josef Wallner
Thomas I. Macwan (Mitte), Bischof der Diözese Ahmedabad (Indien), besuchte mit Arsakumar Rayappan, Sprecher des Priesterrats, Pfarrer Dr. Walter Wimmer aus Linz-St. Konrad. Die Pfarre St. Konrad finanzierte das Studium für Arsakumar Rayappan. Pfarrer Wimmer über die Bedeutung des Kontakts: „Es ist beeindruckend zu erfahren, mit welchem Selbstbewusstsein Christen in Indien leben, wie viel sie bewegen, obwohl sie eine Minderheit sind.“
Foto: Josef Wallner
Rund 10 Millionen Einwohner zählt die Diözese Ahmedabad im westlichsten Teil Indiens. Nur eine verschwindende Minderheit von 63.000 Menschen sind Katholiken. Doch die „kleine Herde“ rührt in der Gesellschaft kräftig um.
„Die Hindus sind tolerant, aber sie haben Angst, weil wir mit den Armen arbeiten. So brechen wir das Kastensystem auf“, erklärt Bischof Thomas Macwan. Obwohl das Kastenwesen per Gesetz seit 1950 schon abgeschafft ist, haben die Strukturen der Ungleichheit in den Dörfern bis heute überdauert. Und siebzig Prozent der Menschen im Diözesangebiet von Bischof Macwan leben in Dörfern.
Kastensystem heißt, dass ein Angehöriger einer höheren Kasten nie aus demselben Glas trinken würde wie ein Angehöriger einer niedrigen Kaste. Sogar für manche Tempel gilt die Trennung. Diese Spaltung durchzieht das ganze Leben: von der Schulbildung bis zum Arbeitsplatz.
Kirche stellt sich quer
Hier stellt sich die Kirche quer zur Gesellschaft und durchbricht vor allem mit ihren Schulen das Kastensystem: In den 77 Schulen der Diözese finden Kinder aus allen sozialen Schichten und allen Religionsgemeinschaften Aufnahme: Christen, Hindus, Muslime, Buddhisten. Vor allem die Hindus schicken ihre Kinder gerne in christliche Schulen. In den Klassenzimmern ist nichts von den Spannungen zu spüren, die in der Gesellschaft immer wieder zum Ausbruch kommen. „Ganz im Gegenteil“, stellt der Bischof mit Nachdruck klar: „In unseren Schulen werden alle religiösen Feste gefeiert: die der Hindus und Moslems genauso wie die der Christen.“ Auch wenn der Kirche zur Zeit der Wind wegen einer hinduistisch-fundamentalistischen Regierung des Bundesstaates Gujarat ins Gesicht bläst, lässt sich der Bischof nicht von seinem Weg abbringen. Die Regierung plant ein Gesetz zu verabschieden, das den Übertritt in eine andere Religionsgemeinschaft genehmigungspflichtig macht. „Wir werden das Gesetz durch alle Instanzen anfechten“, gibt sich Macwan kämpferisch.
In der Heimat Ghandis
Dass es gerade im Bundesstaat, in dem Mahatma Ghandi gelebt und gewirkt hat, zu solchen Ungerechtigkeiten kommt, schmerzt den Bischof. Doch er verfolgt sein Anliegen unbeirrt weiter: „Die Religionen haben die Aufgabe in Indien Frieden zu schaffen.“ Und in seiner Region sei man auf einem guten Weg: „Wir haben kein Problem, mit Hindus und Muslimen über Gott zu sprechen. Es gibt nur einen Gott und wir sind Kinder Gottes.“
So ist es auch selbstverständlich, dass die Religionsgemeinschaften miteinander beten: an Festen, in Zeiten der Dürre oder wenn es Probleme gibt. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen in einem Dorf kam der Bischof und hat alle Bewohner zu einem Gebet eingeladen: „Ich habe über Vergebung gesprochen, wir haben aus der Bibel gelesen und miteinander gebetet. Das hat großen Eindruck gemacht und auch Wirkung gezeigt.“
Unverständnis für Christus
Macwan gibt sich keinen Illusionen hin. So sehr der Glaube an den gemeinsamen Gott alle eint – wenn er über Jesus spricht, stößt er auf Unverständnis: „Wenn ich sage Christus ist ein Weg zu Gott, nicken alle zustimmend. Sobald ich aber Christus als den einzigen Weg vorstelle, provoziere ich bei den Andersgläubigen Ablehnung.“ Wie er Christus als den einzigen Heilsmittler verständlich machen soll, weiß er nicht, aber er ist überzeugt: „Das dritte Jahrtausend gehört der Kirche Asiens.“