Der Zeitzeuge George Vulkan erzählte vor Linzer Schüler/-innen
Ausgabe: 2003/44, Zeitzeuge, NS-Zeit,
28.10.2003
- Heinz Niederleitner
In Linz, Kleinraming und Vöcklabruck erzählten ehemalige Österreicher vor Schüler/innen, wie sie die NS-Zeiter- und überlebt haben.
„Ich habe als Kind viele Freunde gehabt und bin gerne auf Parkbänken gesessen. Ich dachte nie, dies könne sich ändern“, erzählt der heute 74-jährige George Vulkan den Schüler/innen des Europagymnasiums Auhof in Linz. Im März 1938 hat sich Vulkans Leben doch schlagartig verändert. Mit dem „Anschluss“ Österreichs ans Dritte Reich begann die Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Bürger auch in Österreich.
Als Hans-Georg, wie er damals hieß, nach dem „Anschluss“ wieder in die Schule kam, mussten die Juden in der Klasse plötzlich gesondert sitzen. Schließlich mussten sie die Schule auch verlassen. In den Parks waren sie nicht mehr erwünscht, in den Straßen wurden sie gedemütigt. „Ich gehöre zu denjenigen, die noch am meisten Glück hatten“, sagt Vulkan heute. 1939 ging er mit seinen Eltern über Paris nach England. Seine Großeltern und viele andere Familienmitglieder konnten nicht rechtzeitig flüchten und wurden während des Holocaust von den Nazis ermordet.
Aus Hans-Georg und seinen Eltern waren plötzlich Flüchtlinge geworden, die auf Unterstützung angewiesen waren und hofften, von einem Land aufgenommen zu werden. In Großbritannien hatten sie Glück, Vulkans Vater wollte dort eine Firma gründen: Potenzielle Arbeitgeber, Hausangestellte und Kinder wurden bevorzugt aufgenommen. Eine Verwandte kam mit den so genannten Kindertransporten nach England: Die Mutter hat sie alleine nach England geschickt. Andere, größere Staaten waren bei der Aufnahme jüdischer Flüchtlinge sehr zurückhaltend. Viele konnten deshalb Deutschland nicht früh genug verlassen.
„Ich war auch ein Flüchtling“, sagt George Vulkan. „Jene Länder, die heute gegen Einwanderung sind, müssen nachdenken, ob diese Menschen nicht in Lebensgefahr sind.“ Wenn er heute vor Schüler/innen die Geschichte seiner Familie erzählt, so einerseits, um an jene zur erinnern, die im Holocaust ermordet wurden, andererseits, um die jungen Menschen gegen Vorurteile, egal welcher Art, zu sensibilisieren. „Fürchterliches beginnt oft im Kleinen“, sagt er und zitiert den Philosophen Edmund Burke: „Alles für den Erfolg des Bösen notwendige ist, dass die guten Menschen nichts tun.“