Gefangenen, die seinen Namen ausgerufen haben, sollen die Ketten abgefallen sein. Diese haben sie dann dem Einsiedler in dessen Klause gebracht. So erzählt es die Legende vom heiligen Leonhard. Er ist einer der am stärksten im Volksbrauchtum verankerten Heiligen. Die Leonhardiritte um den 6. November herum locken Tausende an, doch ebenso die echten Leonhardi-Wallfahrten. Leonhard ist ein Heiliger, zu dem die Menschen hingekommen sind. Schon im 6. Jahrhundert in Frankreich war es so, als man den aus einer adeligen Familie stammenden Mann in seiner Einsiedelei aufsuchte. Vor allem für die Gefangenen war er da. Sie verehrten ihn als den Mann, der ihre Fesseln löste. Ein Kirchenmann der besonderen Art ist er. Keine Berater hatte er, die ihm gesagt hätten, wie er sein Auftreten anlegen müsse, um gut anzukommen. Wichtiger war ihm, dass die Menschen bei ihm selbst gut ankämen. Er zog auch nicht predigend durch die Lande, um mit Worten zu beeindrucken, lebte zurückgezogen. Wer kam, fand Hilfe. Einzig und allein die gute Tat war es, die für ihn sprach. Gefangene zählten auch damals zu den Menschen, mit denen man sich lieber nicht einließ. Wer hätte auch heute gerne mit Kriminellen zu tun – ob sie nun zu Recht oder zu Unrecht beschuldigt werden? Jemand ist da, zu dem man kommen kann. Das macht die Heiligkeit Leonhards aus. Von Wöchnerinnen bis zu Viehzüchtern haben ihn daher Menschen verehrt. Ein Volksheiliger. Die Kirche lebt, wenn es Menschen wie Leonhard gibt.