Die Caritas ist Kritik gewöhnt. Wer kritisiert, steht selbst in der Auslage der Kritik. Und wer sich um Schwache annimmt, macht sich selbst schwach in einer Gesellschaft, die oft nur noch das Hohe Lied der Stärke zu singen versteht. Wer darauf hinweist, dass „immer ärmer und immer reicher“ zusammenhängt, kann sich den Groll der Reichen zuziehen. Wenn sich dann aber ein Bischof (Dr. Kurt Krenn) in einem Zeitungsinterview auf die Seite der Caritas-Kritiker stellt und sagt, dass diese nicht politisieren, sondern etwas tun soll, dann lässt das aufhorchen. Politik, so kann man im Lexikon nachlesen, ist auf die Durchsetzung von Zielen und Werten gerichtet. Das soll die Caritas nicht mehr tun? Ich kann’s nicht glauben!
Ernst Gansinger
Aufarbeiten
So deutlich hat bislang noch kaum ein europäischer Politiker Position bezogen. Ausgerechnet der Apostolische Nuntius in Ankara meinte, der Vatikan sei nicht gegen den EU-Beitritt der Türkei. Doch Erzbischof Farhat verknüpft die Frage mit Reformen bei der Religionsfreiheit und den Menschenrechten. Statt angekündigt müssten sie zuvor auch umgesetzt werden. Seismographen der Entwicklung sind mit Sicherheit die Christen: geht es nach ihnen, ist der Stein schon im Rollen. Immer öfter beispielsweise kehren einst Ausgewanderte in den Tur Abdin zurück, einer Wiege des Glaubens. Auch Bischof Homeyer hat als Präsident der Bischofskonferenzen in der EU auf die – wie er sagte – „ungemein delikate Frage“ geantwortet. Als EU-Mitglied müsse das Land bereit sein zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Dazu zählt, dass die Türkei 1500 Jahre christlich und erst 500 Jahre islamisch geprägt ist.