Österreich ist Spitzenreiter bei der Familienförderung. Mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist es allerdings schlecht bestellt, sagt eine neue OECD-Studie.
„Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in Österreich schwierig.“ So fasste vergangene Woche der Sozialforscher Christopher Prinz die Ergebnisse einer Studie zusammen, die er im Auftrag der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) erstellt hat. Er bestätigt damit Ergebnisse, die schon durch die Europäische Familienstudie offen gelegt wurden. Mehr als Geldleistungen wünschen sich Österreichs Familien bessere Rahmenbedingungen, um Familien- und Erwerbsarbeit unter einen Hut zu bringen.
Die falschen Anreize?
Politisch brisant ist die OECD-Studie, weil sie auch auf Auswirkungen des Kinderbetreuungsgeldes eingeht. Für die Regierungsparteien ist das ein familienpolitischer Meilenstein, die Sozialde- mokraten wollten es noch vor der letzten Wahl abschaffen. Inzwischen ist man mit dieser Forderung vorsichtiger geworden, weil die Zustimmung bei den Betroffenen sehr hoch ist.
Die OECD-Studie zeigt auf, dass die direkte Familienförderung in keinem OECD-Land so hoch ist wie in Österreich. Gleichzeitig liegt Österreich aber bei den Kinderbetreuungseinrichtungen weit hinten. So etwa wendet Dänemark 2,2 Prozent seines Bruttonationaleinkommens dafür auf, Österreich nur 0,4 Prozent. Für das Kinderbetreuungsgeld wird sechs Mal so viel ausgegeben.
Die hohe direkte Familienförderung trage zwar dazu bei, dass die Kinderarmut in Österreich ziemlich niedrig ist, sie verstärke aber auch den Anreiz, dass Mütter länger aus dem Beruf aussteigen und damit Karriere- und Einkommensmöglichkeiten einbüßen. Prinz kritisiert, dass die Wahlfreiheit der Eltern nur theoretisch bestehe. Zum einen gebe es für Kinder unter drei Jahren viel zu wenig Betreuungsplätze und zum anderen hindere die Zuverdienstgrenze (14.600 Euro pro Jahr) gerade qualifizierte Dienstnehmer/-innen daran, verstärkt Teilzeitkarenz zu nehmen.
Unnötige Hürde
Der Präsident des Katholischen Familienverbandes, Johannes Fenz, sieht im OECD-Bericht eine Bestätigung: „Wir haben immer gefordert, die Zuverdienstgrenze zu streichen. Sie ist gegen die Logik, da das Kinderbetreuungsgeld keine Sozialleistung ist, sondern eine Abgeltung der Betreuungsarbeit. Die Zuverdienstgrenze führt auch zu unnötigen Härten und hohem Verwaltungsaufwand und grenzt flexible und partnerschaftliche Betreuungs- und Karenzlösungen ein.
Wahlfreiheit ernst nehmen
Kritisch sieht Fenz, dass im OECD-Bericht die Kinderbetreuung fast nur unter dem Gesichtspunkt Erwerbsarbeit und Karriere gesehen wird. „Wenn man von Wahlfreiheit der Eltern spricht, sollte man sie auch ernst nehmen und jene, die einen Wert darin sehen, ihre Kinder längere Zeit persönlich zu betreuen, nicht gleich auf die Verliererstraße stellen. Mir fehlen im OECD-Bericht z. B. Vorschläge für eine bessere pensionsrechtliche Anrechnung von Karenzzeiten und familienbedingter Teilzeitarbeit. Ich vermisse aber auch konstruktive Wiedereinstiegskonzepte.“ Es sei unverständlich, dass Mütter und Väter während der Karenzzeit nicht in die Weiterbildungsmaßnahmen des Arbeitsmarktservices aufgenommen werden. „Warum“, so Fenz, „müssen sie zuerst arbeitslos werden, damit das geschieht?“
Unbestritten ist aber auch für Fenz, dass das Kinderbetreuungsangebot verbessert werden muss. Da gebe es echte Defizite bei den unter Dreijährigen, aber auch bei bei den Schülern zwischen sechs und 14 Jahren. „Ich glaube, dass wir hier einen kreativen Mix an Betreuungsangeboten brauchen und nicht nur in hergebrachten Kindergärten- und Schulschablonen denken sollten.“ Fenz tritt für neue, flexible Formen von pädagogischen Zentren ein, in denen von den Kleinen bis zu den Schülern alle in familienähnlichen Gruppen zusammenleben. Das wäre dezentral gut organisierbar und auch für kleinere Gemeinden (Betriebe) leistbar.
Sackgassen vermeiden
Bessere und flächendeckende Betreuungsmöglichkeiten sind für Fenz aber nur ein Aspekt. Generell müsse die Arbeitswelt mehr an die Familienbedürfnisse angepasst werden. Das Recht auf Teilzeit bis zum Schuleintritt des Kindes sei ein richtiger Schritt. Es müsse aber von den Betrieben und der Politik so gestaltet werden, dass nicht eine berufliche oder pensionsrechtliche Sackgasse daraus wird.
Zur Sache
Nur 32 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren sind erwerbstätig. Die Hälfte der jungen Mütter steigt überhaupt für mehrere Jahre aus. Soweit der OECD-Bericht über „Kinder und Karriere“. Ein Familiengipfel vergangene Woche versuchte, nötige Konsequenzen aus dem Bericht abzuleiten. Zentraler Ansatzpunkt: die Kinderbetreuung. Die Regierung lässt den Bedarf (wieder) erheben. Die SPÖ fordert 100.000 Betreuungsplätze mehr. Im Sommer hat die Statistik Austria erhoben, dass es vor allem an ganztägigen Betreuungseinrichtungen und bei der Nachmittagsbetreuung von Schülern hapert. Ministerin Gehrer will bis 2006 die Schülerbetreuung von 45.000 auf 55.000 aufstocken. Arbeiterkammer und Opposition ist das viel zu wenig.