Josef gehört zur Familie, sagen seine Hausleute, Maria und Hubert Lumesberger. Josef war in der Psychiatrie. Seit mehr als einem Jahr wohnt er bei seiner „neuen Familie“.
Vor fünf Jahren meldeten sich Maria und Hubert Lumesberger aus Gassen in Dimbach auf eine Notiz in der Kirchenzeitung bei pro mente Oberösterreich. Diese Einrichtung, die sich für psychisch benachteiligte und beeinträchtigte Menschen einsetzt, suchte Gastfamilien für Menschen, die längere Zeit in psychiatrischer Behandlung waren und Begleitung brauchen.
Folgen der Arbeitslosigkeit
Der heute 39-jährige Tischler Josef Großsteiner hat vor acht Jahren seinen Beruf als Holzarbeiter verloren. Alkoholprobleme verstärkten in der Folge seinen sozialen und gesundheitlichen Abstieg. Er hörte Stimmen, litt Ängste, dass hinter seinem Rücken über ihn geredet wird, und wurde Psychiatrie-Patient. Pro mente Oberösterreich betreut ihn. Lange Zeit lebte er in einer ihrer Wohngruppen. Im September des Vorjahres bekam Josef Großsteiner die Möglichkeit, in die „Lebensform Familie“ zu wechseln. Das Ehepaar Lumesberger, deren Kinder schon verheiratet sind und woanders wohnen, stellte ihre Ferienwohnung auf dem Bauernhof zur Verfügung. Sie wagten die „Familienpflege“ und gaben einem Menschen in schwierigen Lebensumständen Halt durch Familienanschluss.
Den Alltag mitleben
Mittlerweile gehört Josef zur Familie. Er wird selbstverständlich in den Alltag der Familie einbezogen und ist bei den Feiern und Festen dabei. Josef, der ganz aus der Nähe – aus St. Georgen am Wald – stammt, lebt auf in diesem ruhigen Umfeld, weit abseits vom städtischen Treiben. „Die Ruhe hier taugt mir“, sagt er. Und es tut ihm gut, mit Menschen den Alltag zu teilen, die mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehen. „Weil da drinnen (in den Wohngruppen) hat ja auch jeder seinen eigenen Vogel. Da kannst du dich nicht wirklich gut entwickeln.“ Zeitweise hilft Josef nun in der Landwirtschaft mit, geht mit dem Hund der Lumesbergers spazieren und lebt ansonsten sehr häuslich. Das Ehepaar Lumesberger ist eine von vierzehn Familien, auf die sich pro mente stützen kann. Insgesamt 16 Klienten wohnen in diesen Familien mit. Der Erfolg der seit dem Jahr 2000 angebotenen „Familienpflege“ ist groß, bestätigt auch eine eben an der Johannes-Kepler-Universität in Linz fertig gestellte Diplomarbeit: Gesundheitszustand und allgemeine Situation aller Klienten verbesserten sich deutlich.
Selbstständigkeit wächst
Josef Großsteiner ist sehr sensibel. Aber er hat auch gelernt, über das, was ihn bewegt, zu reden. Seit ein paar Monaten ist er in seiner Selbstständigkeit soweit wiederhergestellt, dass er alleine einkaufen gehen kann oder zur Krankenkasse oder zum Arzt. Viel Anleitung, Stütze und Aufmerksamkeit der Familie Lumesberger war und ist dafür ausschlaggebend. Sie „portioniert“ Josef das Leben, leitet ihn an, stützt ihn in alltäglichen Anforderungen. Vor allem kontrollierte sie seinen Zugang zum Alkohol – der seine große Schwäche wäre, würde niemand aufpassen. Mit Humor aber, so Maria Lumesberger, kann man gut auf ihn einwirken. „Wenn ich genug Geld beisammen habe, möchte ich mir ein Moped kaufen“, blickt Josef in die Zukunft. Eine Zukunft, die bei Maria und Hubert Lumesberger neu begonnen hat. Ernst Gansinger