Den Slogan „Hilfe zur Selbsthilfe“ heftet sich jede „Dritte-Welt“-Organisation auf ihre Fahnen. Doch Menschen in den Entwicklungsländern so zu unterstützen, dass sie wirklich wirtschaftlich unabhängig werden, braucht Können und Fingerspitzengefühl.
Ein Schlaraffenland, in dem „Milch und Honig fließen“, ist das Gebiet um die chilenische Stadt Valdivia nicht. Dass in der Region 1000 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile dennoch der Honig fließt, ist dem Geschick und dem Fleiß der Imker-Genossenschafter von APICOOP zu verdanken. Und der Hilfe der Aktion „Sei so frei“. Wurden 1995 rund 40 Tonnen Honig pro Jahr gewonnen, konnte die Produktion bis 2002 auf 610 Tonnen Honig gesteigert werden.
„Sei so frei“ hat den Imkern kräftig unter die Arme gegriffen. Die Qualität des Honigs konnte damit so gesteigert werden, dass drei Viertel der Ernte nun in den Export gehen. Die Genossenschaft APICOOP hat 16 Angestellte, die sie deutlich über dem Kollektivvertrag von 170 Dollar im Monat bezahlen kann. Der wirkliche Gewinn des Honigprojekts ist aber nicht in Geld zu messen, so Chino Henriquez, ein Berater der Kooperative: „Die mehr als einhundert Genossenschaftsmitglieder sind sich im Laufe der Jahre der Bedeutung der Bildung bewusst geworden. Fast alle schicken ihre Kinder jetzt in weiterführende Schulen, obwohl das Geld kostet.“
Aufschwung nach Pinochet
Mit Abschluss des Honig-Projekts verabschiedete sich die Katholische Männerbewegung (KMB) im Sommer 2003 aus Chile. Nach dreißig Jahren. Schon während der Pinochet-Diktatur hat die KMB soziale Projekte der Kirche unterstützt. „Chile hat sich stets durch klare Programme mit Struktur und Pfiff ausgezeichnet“, resümiert Dr. Franz Hehenberger, Projektreferent der Aktion „Sei so frei“. Bei seinen Besuchen in Chile hat ihn immer wieder die Verbindung von Laien und Bischöfen beeindruckt: „Bischöfe haben den Laien gegenüber der Politik den Rücken für ihre Arbeit mit dem Volk freigehalten.“ Darin liegt wohl das Geheimnis des Erfolgs vieler Projekte, so Hehenberger. Projektpartner von „Sei so frei“ waren auch in den Übergang von der Militärdiktatur zur Demokratie involviert. Der Abschied geht nicht ohne Wehmut von sich, weil in den Jahrzehnten viele Beziehungen zwischen der KMB Oberösterreich und den chilenischen Partnern gewachsen sind. Dennoch: Die Partner aus Chile verstehen die Entscheidung der Aktion „Sei so frei“, keine Hilfsprojekte mehr zu unterstützen, ohne dass sie gekränkt wären oder sich ungerecht behandelt fühlten. Ihnen ist klar, dass sich die Situation Chiles von der Not in Nicaragua oder Guatemala deutlich unterscheidet. Trotz aller Schwierigkeiten hat Chile in den vergangenen Jahren ein deutlichen Schritt nach vorwärts gemacht. Hehenberger: „Ich erlebe die Chilenen als Volk, das sich nicht unterkriegen lässt.“
Die chilenischen Projektpartner sind auch ein wenig stolz. „Wir haben unsere Zukunft nun selbst in der Hand und sind los vom Tropf der Abhängigkeit“, so Chino Henriquez. Die Eigenständigkeit schafft auch eine neue Freiheit.
Trotz allem wurde gerade die letzte Unterstützung, die Hilfe für die Imkerei-Genossenschaft, nicht ohne Sicherheitsnetz gegeben. Die Imker können sich jederzeit an „Sei so frei“ wenden, was sie auch kürzlich per E-Mail getan haben: um sich nochmals zu bedanken und zu informieren, dass ihre Genossenschaft hervorragend läuft. Josef Wallner