Gemeindebratung hilft, Ziele zu stecken und sie auch zu erreichen
Ausgabe: 2003/47
18.11.2003
- Hans Baumgartner
Vor zwanzig Jahren war die Gemeindeberatung ein Vehikel, um einer prophetischen Kirchenidee die Gummistiefel der Praxis anzuziehen. Heute stellen sich neue Herausforderungen, sagt Josef Weichselbaumer vom Pastoralamt Linz.
Zwei Erfahrungen waren es, die Josef Weichselbaumer vom Pastoralamt der Diözese Linz vor zwanzig Jahren bewogen haben, als erster in Österreich mit Gemeinedeberatung und Organisationsentwicklung (siehe Kasten) zu beginnen: „Anfang der 80er Jahre war es gängiges Kirchenverständnis, dass die in der Diözesanleitung wissen (müssen), was in der Pastoral zu tun ist. Die Pfarren erwarteten sich entsprechende Richtlinien, Konzepte und Behelfe. Wenn ich dann in die Pfarren hinausgekommen bin und gesagt habe, so und so sollte es gehen, musste ich sehr oft hören, dass es aus diesen und jenen Gründen so eben nicht funktioniert“, erinnert sich Weichselbaumer.
„Gleichzeitig hatte ich aus meinen Erfahrungen mit der Synode und mit manchen Pfarrgemeinderäten eine Kirchenvorstellung, die theologisch und praktisch viel stärker auf die Kompetenz des Gottesvolkes bauen wollte. Je mehr ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen in kirchliche Aufgaben hineingewachsen sind, desto wichtiger schien mir, dass die Pfarren nicht mehr länger ,Befehlsempfänger von oben‘ sein können, sondern selber über ihre pastoralen Ziele und deren Umsetzung entscheiden sollten.“
In der Werkstatt
Die Pfarrgemeinde als Subjekt der Pastoral, als eigenverantwortliche Trägerin der Seelsorge vor Ort, das war vor 20 Jahren, zumindest in der kirchlichen Praxis, noch eine prophetische Idee, meint Weichselbaumer. Heute sei das eine von den Kirchenleitungen und Pfarren weitgehend akzeptierte Realität. Der wachsende Priestermangel habe den Prozess, der vom Konzil her angestrebt war, beschleunigt. Die Gemeindeberatung habe ihren Teil dazu beigetragen, die Pfarrgemeinden zu befähigen, das Heft in die eigene Hand zu nehmen.
„Wir haben gesehen, dass Pfarren häufig Schwierigkeiten hatten, realistische Ziele zu formulieren und dann auch umzusetzen. Es war für uns daher eine Herausforderung, wie wir diese oft hoch motivierten Leute am besten begleiten können, wie wir mit ihnen quasi in die Werkstatt gehen“, meint Weichselbaumer. Neben Pfarrgemeinderatsklausuren bot sich vor allem die in Deutschland entwickelte Gemeindeberatung als Vehikel an. Gut ausgebildete Berater/-innen unterstützen dabei einen Pfarrgemeinderat (oder andere Gruppen), unter Beteiligung aller Ziele festzulegen, entsprechende Organisationsformen zu finden – etwa wenn kein Pfarrer mehr am Ort ist – und realistische Schritte zur Umsetzung zu planen. „Schöne Ziele und Visionen sind gut, aber wir brauchen auch die Gummelstiefel, um im Alltag dort hinzukommen. Geschieht das nicht, gibt es oft viel Frust“, meint Josef Weichselbaumer.
Auf neuer Suche
Der Wandel im Selbstverständnis der Kirche und die Veränderung der pastoralen Rahmenbedingungen habe dazu geführt, dass in fast allen Diözesen Gemeindeberatung eingeführt wurde. „Und sie hat sich bewährt“, ist Weichselbaumer nach 20-jähriger Praxis mit über 40 Beratungsprozessen überzeugt. Heute sieht er die Zeit für eine Neuorientierung der Gemeindeberatung gekommen. Es gehe weniger um gutes Pastoralmanagement und Strukturen, sondern immer mehr um die Frage, wie Seelsorge im religiösen und gesellschaftlichen Umfeld von heute überhaupt ausschauen kann. „Wie gehen wir in der Praxis damit um, dass viele Menschen heute zwar auf ,der Suche nach dem Heiligen‘ , aber nicht nach der Kirche sind? Wie können wir dennoch die Botschaft Jesu zu einem Angebot für Suchende machen? Wie gehen wir damit um, dass die Kirche, so notwendig sie ist, doch ,nur die Flasche‘ ist, das Evangelium aber der Wein? Die Leute in den Pfarren spüren diese Veränderungen und wollen mit ihnen positiv umgehen. Es wächst aber auch die Ratlosigkeit, wenn bestes Bemühen oft ignoriert wird“, meint Weichselbaumer. „Gemeindeberatung wird stärker als bisher gefordert sein, komplexe theologische und soziologische Zusammenhänge für die Leute auf 220 Volt Arbeitsspannung zu transformieren.“
Stichwort:
Seit zehn Jahren gibt es in der österreichischen Kirche eine eigene dreijährige Ausbildung für Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung. Seither haben 58 Frauen und Männer den Kurs erfolgreich absolviert. Sie sorgen dafür, dass es in den meisten Diözesen für Pfarrgemeinderäte, Ordensgemeinschaften, Seelsorgeteams und andere kirchliche Einrichtungen (Caritas, Schulen etc.) eine kompetente Begleitung für Klärungs-, Entwicklungs- und Veränderungsprozesse gibt.
Gemeindeberater/-innen bieten keine Rezepte und Lösungen, aber sie helfen mit, dass etwa ein Pfarrgemeinderat die Ziele seiner Arbeit absteckt und sie in konkrete Umsetzungsschritte portioniert, dass Kommunikations- und Organisationsstrukturen verbessert und die vorhandenen Kräfte gestärkt werden. Gemeindeberatung wird aber auch eingesetzt, damit Konflikt- und Krisensituationen konstruktiv gelöst werden können. Gearbeitet wird in gemeinsamen Entwicklungsprozessen mit den jeweiligen Einrichtungen und Gruppen. Informationen über Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung gibt es beim Pastoralamt der Diözese.