„Wenn ich keine Zeit mehr für die Menschen habe, war alle Zeit umsonst. Deshalb müssen die modernen Zeitdiebe eingebremst werden“, forderte Peter Zellmann bei einer Enquete der Sonntagsallianz im Sozialministerium.
„Seit den vergangenen 15 Jahren sind die gesellschaftlich geregelten Zeitstrukturen immer stärker in Auflösung begriffen. Wir tun zwar noch so, als ob die Mehrheit der Berufstätigen eine fixe gemeinsame Arbeitszeit hätte, in Wahrheit aber arbeiten nur noch 15 Prozent der Erwerbstätigen regelmäßig zwischen sieben oder acht Uhr bis 16 oder 17 Uhr“, verweist Peter Zellmann auf eine Entwicklung, die von der Politik noch kaum wahrgenommen werde. Für die Menschen ergäben sich daraus eine Reihe von Problemen, so der Freizeitforscher des Ludwig Boltzmann Institutes. Wenn immer mehr Menschen zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten oder frei haben, werde es immer schwieriger, gemeinsam Familie zu leben, Freundschaften und Partnerschaften zu pflegen oder sich ehrenamtlich in Vereinen zu engagieren.
Ein kostbares Gut
„Wir haben zwar gelernt, mit Geld umzugehen und alles betriebswirtschaftlich zu berechnen und sind versucht, dem alles unterzuordnen. Dass Zeit aber ein ebenso kostbares Gut ist, mit dem man haushalten sollte, ist noch wenig im Bewusstsein. Die fehlende Zeitkompetenz macht vielen zu schaffen und führt dazu, dass die Zeitdiebe fast unbemerkt zuschlagen“, meint Zellmann. So etwa führe die Konzentration der Wirtschaft in den Ballungsräumen dazu, dass immer mehr Zeit auf den verstopften Straßen zugebracht werden muss. Weil die privat verbrauchte Zeit in keiner Wirtschaftsrechnung verbucht werde, wurde auch der öffentliche Verkehr nicht entsprechend ausgebaut.
Flexibilisierung in der Arbeitswelt bedeute häufig, dass die Arbeit nicht mehr zeitabhängig, sondern erfolgsabhängig zugeteilt wird. Massive Überschreitungen der Regelarbeitszeit sind eingeplant. „Das hebt zwar oft den Lebensstandard, geht aber auf Kosten der Lebensqualität. Denn Zeit für sich und andere zu haben ist nach allen Untersuchungen ein entscheidender Faktor für Lebensqualität“, betont Zellmann.
Mehr Lebensqualität
Gemeinsame, geregelte Zeitvorgaben seien wichtige Orientierungshilfen für die Menschen. Wenn man die Zeit als verlässlichen Taktgeber mehr und mehr abschaffe, kommen die Menschen aus dem Takt. Heute, so Zellmann, werde unter dem Eindruck eines immer stärker wirtschaftlich bestimmten Denkens die Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft als Ideal und Retter des Wirtschaftsstandortes dargestellt. „Aber wenn gilt, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist, dann ist ein guter Wirtschaftsstandort nur dort, wo auch ein guter Lebensstandort ist. Deshalb ist es notwendig, dass wir weitere Flexibilisierungen nicht einfach als Fortschritt hinnehmen, sondern dass wir sie einbremsen. Weniger Flexibilisierung bedeutet mehr an Lebensqualität.“
Länger offene Läden
Am Beispiel Ladenöffnungsdiskussion macht Zellmann das noch einmal deutlich. Hier gehe es nicht um ein neues, angeblich fortschrittliches Arbeits- und Dienstleistungsschema, sondern um die Grundfrage: Mehr Zeit für die Menschen oder mehr Zeit für materielles Wachstum auf Kosten von Menschen? Es gehe nicht an, dass sich einige Große einen Wettbewerbsvorteil über Zeitdiebstahl verschaffen, betont Zellmann.
Das müsse man sowohl den Konsumenten/-innen deutlich machen als auch den Politikern. Diese müssten im Sinne einer Lebenspolitik mehr auf die Zeitbedürfnisse achten. Deshalb fordert Zellmann auch neue Spielregeln. So sollte über Ladenöffnungszeiten in einem festgelegten Rahmen, zu dem die Sonn- und Feiertagsruhe gehöre, auf kommunaler Ebene entschieden werden. Dabei müssten die kleinen Betriebe als eigene Interessengruppe gleichberechtigt am Tisch sitzen, denn „die Wirtschaft“ sei kein einheitlicher Block. Auch für die Kleinen muss sich die eingesetzte Zeit rechnen. Und wenn sie zum Zusperren gezwungen werden, koste das auch die Verbraucher viel Zeit.
Zur Sache
Zeit, die zählt
„Gemeinsame freie Zeit – Zeit, die zählt.“ Unter diesem Motto fand am vergangenen Freitag im Sozialministerium eine Enquete statt, die von der „Allianz für den freien Sonntag“ veranstaltet wurde. Unter den 170 Teilnehmern waren Staatssekretärin Ursula Haubner, Vertreter mehrerer Ministerien und Landesregierungen, von Parteien und Unternehmen und zahlreichen Vereinen sowie den Mitgliedern der Sonntagsallianz.
„Als Sonntagsallianz wollen wir nicht nur über Ladenöffnungszeiten diskutieren oder auf Entwicklungen wie die Aufhebung des Lkw-Fahrverbots am Sonntag reagieren. Wir wollen eine breite und tiefergehende Debatte darüber, welchen Stellenwert der Zeitbedarf verschiedener Gruppen in unserer Gesellschaft hat und wer darüber entscheidet“, betont Allianz-Koordinator Markus Glatz-Schmallegger. Es gehe etwa um die Frage, ob der Zeitbedarf für die Familie oder für ehrenamtliche Arbeit gesellschaftlich nicht ebenso wichtig ist wie der Zeitbedarf der Wirtschaft. Für diese Fragen ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen, sehe die Sonntagsallianz als wichtige Aufgabe. „Mit dieser Enquete wollen wir aber auch die politischen Akteure auf diese Thematik aufmerksam machen. So wie heute eine Raumordnungspolitik selbstverständlich ist, so müsse die Politik auch in die Zeitverteilung ordnend eingreifen und Foren schaffen, wo das verhandelt werden kann“, meint Schmallegger.
Der Hamburger Uniprofessor Ulrich Mückenberger stellte beispielhafte Modelle aus Italien und Deutschland vor, wo Städte und Gemeinden unter Einbindung der gesellschaftlichen Gruppen eine bessere Abstimmung unterschiedlicher Zeitbedürfnisse verhandelt haben.