„Ich habe mir vom Jahr der Menschen mit Behinderungen keine Wunder erwartet. In einigen zentralen Bereichen aber hätte die Politik mehr tun können“, sagt Judit Marte von der Caritas Österreich.
Das Leben von behinderten Menschen und die alltäglichen Schwierigkeiten und Hindernisse, mit denen sie zu kämpfen haben, sei den meisten Nichtbehinderten kaum bewusst. Das gelte auch für Politiker/-innen, denen das Thema oft erst dann ein Anliegen werde, wenn sie in ihrer Nähe Betroffene erleben, meint die Caritas-Expertin Judit Marte. Die Augen öffnen und Begegnungen mit Betroffenen schaffen war daher der Caritas im Jahr der Menschen mit Behinderungen ein besonderes Anliegen.
Unerreichbare Mistkübel
Unter dem Slogan „Behindert ist, wer behindert wird“ habe die Caritas in zahlreichen Veranstaltungen,mit Straßenaktionen und Tagen der offenen Tür das Jahr der Behinderten genutzt, um auf die Lebenssituation dieser Menschen aufmerksam zu machen, berichtet Marte. „Da ist uns einiges gelungen, um Menschen zum Nachdenken zu bringen, dass auch Behinderte ein Recht haben, ein möglichst selbständig gestaltetes Leben zu führen.“ Als Beispiel nennt sie eine Aktion in Innsbruck, wo man Mistkübel auf zwei Meter Höhe angebracht, bei Parkbänken die Sitze abmontiert oder beim Kopfausschnitt zugenähte T-Shirts verteilt hat. Diese auch für „Normalverbraucher“ sichtbar gemachten Barrieren hätten für viel Gesprächsstoff gesorgt. Als „Glücksfall“ bezeichnet Marte die Zusammenarbeit der Caritas mit Martin Essl und seiner bauMax-Gruppe. „Diese Marktgruppe unterstützt nicht nur Behindertenprojekte finanziell, sondern beschäftigt auch eine zunehmende Zahl mehrfach behinderter Menschen. Besonders wichtig ist, dass Essl und seine Leute über ihre Erfahrungen auch öffentlich und mit Unternehmerkollegen reden. Gerade die Zurückhaltung der Wirtschaft bei der Beschäftigung Behinderter ist ja eine der ganz großen Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen Integration dieser Menschen“, betont Marte.
Arbeit für Behinderte
Die Caritas selber betreibt über 50 Projekte, bei denen es darum geht, Menschen mit Behinderungen durch Beratung, Qualifizierung und begleitende Assistenz zu befähigen, im regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. „Mit Mitteln aus der so genannten Behindertenmilliarde konnten in den letzten drei Jahren viele Projekte gestartet und auch neue Wege ausprobiert werden“, berichtet Marte. Ein interessantes Beispiel dafür sei „We Work“ in Linz, wo durch Kontakte zu Unternehmen und ein entsprechendes Service versucht wird, möglichst punktgenau Menschen mit Behinderungen auf einen Arbeitsplatz zu vermitteln und sie dort auch zu halten. Eine bemerkenswerte Initiative habe auch eine beschützende Werkstätte in Vorarlberg gestartet. Um die Kluft zwischen geschütztem und regulärem Arbeitsmarkt zu überbrücken, übernimmt die Werkstätte nicht nur externe Aufträge von Firmen, sondern sie geht mit den Behinderten dorthin, um sie vor Ort durchzuführen. Das helfe, Barrieren abzubauen und auf beiden Seiten neue Erfahrungen zu machen.
Gleichstellung offen
Im politischen Bereich sei die Bilanz des Behindertenjahres eher enttäuschend, meint Marte. Auf die Positivseite bucht sie, dass mit dem seit Juli geltenden Berufsausbildungsgesetz endlich die Möglichkeit geschaffen wurde, behinderte Jugendliche in die Lehr- und Berufsschulausbildung zu integrieren. Das Gesetz sei gut, meint sie. Noch aber fehle die Bereitschaft der Wirtschaft, ausreichend Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Erfreulich sei, so Marte, dass im letzten Konjunkturpaket erstmals eine Förderung für persönliche Assistenz auf dem Arbeitsplatz vorgesehen ist. Dass es in diesem Jahr nicht gelungen ist, wenigstens einen Entwurf für ein Behindertengleichstellungsgesetz vorzulegen, sei eine herbe Enttäuschung, meint Marte. Denn dieses im Regierungsprogramm vorgesehene Gesetz sei von zentraler Bedeutung. Es gehe dabei um den Abbau von Barrieren in öffentlichen Gebäuden und auf Straßen ebenso wie um die notwendige Beseitigung von Berufsverboten, etwa dass Blinde oder Rollstuhlfahrer nicht als Lehrer/-innen oder Richter/-innen arbeiten dürfen. Es gehe um das Recht auf Integration vom Kindergarten bis zur Berufsausbildung und darum, dass Menschen mit Behinderungen einen Anspruch darauf haben, ein möglichst eigenständiges, selbstbestimmtes Leben führen zu können, betont Marte. Das Ziel müsse die Gleichbehandlung in allen Lebensbereichen (z. B. Anerkennung der Gebärdensprache) und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sein.
Stillstand bei Pflege
Einen bedauerlichen Stillstand gab es auch beim Pflegegeld, meint Marte. „Weder die längst notwendige Inflationsanpassung noch die Aufstockung in den oberen Stufen, wo die Kluft zwischen Betreuungskosten und Pflegegeld immer größer wird, wurden verwirklicht. Auch bei der viel zu niedrigen Einstufung behinderter Kleinkinder konnte nichts erreicht werden.“ Nicht in Angriff genommen wurde auch der von der Caritas geforderte Nationale Aktionsplan für Pflege und Betreuung. Dabei ginge es, so Marte, um die entsprechende personelle, organisatorische und finanzielle Vorsorge für den steigenden Pflegebedarf und um entsprechende unterstützende Maßnahmen für Familien mit behinderten und pflegebedürftigen Angehörigen.