Liebe braucht kein WortKüssen ist Kommunikation – in der Liebe und anderswo.
Ausgabe: 2004/02, Liebe, Küssen,
07.01.2004
- Heinz Niederleitner
Oma, Mutter, Freundin: Zu Weihnachten und Silvester hatte das Küssen wieder Hochsaison, ob man wollte oder nicht. Woher aber kommt das Küssen und was steckt dahinter?
O küsse mich, dein Kuss ist/so süß fast wie des Todes Kuss,/bei deinem Kuss vergißt/mein Herz, dass es noch schlagen muss. (...) So schön diese Zeilen von Hermann Löns (1866–1914) auch sind, ganz der Wahrheit entsprechen sie nicht: Von 60 bis 80 Schlägen pro Minute steigt der Puls eines Menschen beim Küssen auf bis zu 150 Schläge in der Minute. Inniges Küssen zweier Verliebter löst also vielmehr Herzklopfen denn Herzstillstand hervor.
Verschiedene Bedeutung
Küssen hat die verschiedensten Formen und Bedeutungen: Vom langen, innigen Kuss Liebender, über den (über)höflichen (und heute nur mehr angedeuteten) Handkuss, den freundschaftlichen Wangenkuss, den politisch aufgeladenen Bruderkuss bis hin zum Kuss religiös besetzter Gegenstände wie der Petrusstatue im Petersdom. Auch regional ist die Bedeutung des Kusses sehr verschieden: Im asiatischen Raum ist das Küssen fast ausschließlich dem privaten Raum vorbehalten.
Öffentliches Küssen war auch in Europa lange Zeit nicht gerne gesehen, an manchen Schulen herrscht bis heute ein Kussverbot für die Pausen. Dabei Küssen überaus gesund: Es stärkt die Abwehrkräfte und setzt Endorphine (Glückshormone) frei. „Drei Worte mit nur / sind mehr Glück für mich als fast alles, / was wir im Leben sonst / tun dürfen oder tun müssen. / Die drei Worte sind: Dich nur küssen.“ (...)Der Kuss der Liebenden, den Erich Fried (1921–1988) in seinem Gedicht meint, hat seinen Ursprung wahrscheinlich in einer alltäglichen Situation: der Ernährung von Babys und kleinen Kindern. Als es noch keine Babynahrung gab, zerkauten Erwachsene die Nahrung für die Kinder und fütterten sie gleichsam von Mund zu Mund. Atzkuss wird diese Praxis der Babyernährung genannt, die bei Naturvölkern zum Teil heute noch üblich ist.
In fast allen Kulturen gibt es den Kuss mit der einen oder anderen Bedeutung. Stets drückt er einen Sachverhalt ohne Worte aus und wird verstanden. Er ist eine Form der wortlosen Kommunikation. Ob nun Demut (Kuss von religiösen Devotionalien) oder Unterwerfung (Handkuss der Mafia): Nichts ist so romantisch wie der Kuss zweier Liebender, der ohne Worte sagt: Ich liebe dich.