Wenn Menschen in den Zwanzigern in die Krise kommmen
Ausgabe: 2004/15, Quarterlife, Krise,
06.04.2004
- Heinz Niederleitner
Die Quarterlife-Crisis: ein wirkliches Problem oder nur Marketing-Gag der Lebensberatungsliteratur? Tatsache ist, dass sich viele junge Erwachsene angesprochen fühlen, wenn von ihr die Rede ist.
Die 20er – ein sorgenfreies Alter: Man ist nur für sich selbst verantwortlich, hat das Leben praktisch noch vor sich und alle Türen stehen einem offen. So oder ähnlich hören sich die Meinungen der Eltern- und Großelterngeneration an, oft verbunden mit dem Satz: „Ach, wär’ ich auch noch mal so jung.“ Dass viele junge Erwachsene in den 20ern nicht der Meinung sind, gerade die beste Zeit ihres Lebens zu verbringen, liegt an der Quarterlife-Crisis. Zumindest behaupten dies amerikanische und vermehrt auch deutschsprachige Bücher. „Entdeckt“ und benannt wurde die Quarterlife-Krise von den Autorinnen Alexandra Robbins und Abby Wildner. Mit ihrem Buch, das mittlerweile zu Bestseller avancierte, beschrieben sie nachhaltig ein Phänomen, dass vielen jungen Menschen bekannt vorkam.
Die Quarterlife-Crisis ist in ihrem Kern eine Identitätskrise: Wer möchte ich sein, was fange ich mit meinem Leben an? Muss ich mich jetzt schon für die nächsten 40 Jahre bis zur Pension festlegen? Die Krise trifft vor allem junge Menschen in der Übergangsphase zwischen Studium/Ausbildung ins so genannte wirkliche Leben, dann also, wenn sie merken, dass die akademisch erworbenen Fähigkeiten nur sehr bedingt im Alltag der rauen Wirklichkeit weiterhelfen. Zuerst stehen sie einer Vielzahl von möglichen Entscheidungen gegenüber: Job, Karriere, Beziehung, Familie, Freizeit – rein theoretisch sind in unserer pluralen Welt diesen Möglichkeiten kaum Grenzen gesetzt. Dass die Grenzen in Wirklichkeit eng sind, erfahren die Mitte-20er spätestens nach den ersten Gehversuchen in der „wirklichen Welt“: wenn die ersten Absagen auf Bewerbungsgespräche ins Haus flattern, wenn aus kurzfristigen Affären keine Beziehungen werden, wenn keine Zeit für Freizeit mehr ist …
Ist die „heutige Jugend“ also verzogen, verweichlicht oder entscheidungsschwach, wie es ihr die Altvorderen mitunter vorwerfen? Ist die Quarterlife-Crisis nur ein Vorwand für mehr Menschen, zu psychischen Hypochondern zu werden, wie man auch hört? All diese Vorwürfe greifen insofern zu kurz, als der Leistungsdruck, unter dem junge Erwachsene heute stehen, nie so groß war: Selbst nach der besten Ausbildung gibt es keine Garantie auf einen Job. Es gibt keine Musterlebenswege mehr, an die man sich einfach anlehnen kann: Ausbildung, Beruf, Familie, Pension … Wer garantiert mir, dass ich einen Job, einen Partner fürs Leben bekomme? Mehr Kreativität und mehr Mut zum Risiko sind heute gefordert – im Privat- wie im Berufsleben.
Der erste Schritt zur Überwindung der Quarterlife-Crisis ist nach Robbins und Wildner die Erkenntnis, dass es diese Krise überhaupt gibt. Sie ermöglicht es der Generation in der dritten Lebensdekade zu sehen, dass es sich um kein Einzelphänomen handelt, dass viele betroffen sind und ähnliche Erfahrungen machen. Egal ob man nun das Phänomen Quarterlife-Crisis für real hält oder nur von einer Identitätskrise ausgeht: Die Lösungen sind so verschieden, wie Menschen verschieden sind. Man sollte versuchen auszuprobieren, was man gerne machen möchte, wohin man sich entwickeln möchte. Und man sollte sich das Scheitern erlauben, weil es zur Entwicklung gehört. Um zu zeigen, dass man sich weniger Sorgen machen und sich einfach zu leben trauen soll, greifen Robbins und Wildner auf einen Nike-Slogan zurück: Just do it! Dann geht die Quarterlife-Crisis nicht einfach in die Midlife-Crisis über.