Ausgabe: 2004/23, Jerusalem, Hüter, Pizzaballa, Israel
01.06.2004
- Walter Achleitner
Wenn Pierbattista Pizzaballa auch nur den Titel „Kustos“ trägt, so ist er doch mächtiger als der lateinische Patriarch von Jerusalem. Seine Wahl birgt Überraschungen in sich.
Es ist ein farbenprächtiges Bild, wie es Jerusalem nur selten bietet. Wenn, wie am 1. Juni, Würdenträger aller christlichen Kirchen zum Jaffa-Tor kommen, um Pierbattista Pizzaballa zu begrüßen, und ihn zur Grabeskirche geleiten. Die feierliche Prozession ist Teil der Amtseinführung des „Kustos“, dem Protokoll nach ranghöchsten Vertreter der lateinischen (römisch-katholischen) Kirche im Heiligen Land. Denn lange bevor es dort eine eigene Diözese gab, ernannte der Papst 1342 den Ordensoberen der Franziskaner in Jerusalem zum Hüter der Heiligen Stätten. In diesen 662 Jahren ist nun der von seinen 320 Mitbrüdern gewählte und am 15. Mai vom Papst im Amt bestätigte Pizzaballa einer der jüngsten, dem diese Aufgabe je übertragen worden ist.Der vor 39 Jahren bei Bergamo Geborene folgt Giovanni Battistelli (71) nach, dessen sechsjährige Amtszeit von der zweiten Intifada geprägt war. Er wurde seinem Titel gerecht, als im israelisch-palästinensischen Konflikt um die Geburtskirche von Betlehem die Franziskaner 40 Tage ausharrten. Auch Pizzaballa hat im ersten Interview den Mauerbau Israels kritisiert. Doch seine Ernennung könnte längerfristig zu besseren Beziehungen der Ortskirche zu Israel führen. Denn außer arabisch spricht er auch fließend hebräisch, übersetzte den lateinischen Messritus und ist seit Jahren Pfarrer der hebräisch-sprechenden Christen in Jerusalem. Eine Voraussetzung, um das sein zu können, was Pater Pizzaballa selbst als seine Aufgabe sieht: „Zeuge zu sein für Versöhnung und Frieden“.