Endlich ist das Wetter danach. Die Badesaison kann eröffnet werden. Das Ufer – diese Grenzlinie zwischen Land und Wasser ist ein höchst interessanter Lebensort. Wie es Menschen an den Ufern geht und wie sie sich da verhalten, lässt sich auch sonst im Leben beobachten. Mit Lust und Freude wechseln die einen das trockene und das nasse Element. Kurz entschlossen und ohne lange Überlegung springen sie ins Nass. Andere probieren zögernd. Erst nur die Zehe, dann bis zu den Knien. Wieder andere genießen zwar die Ruhe am Ufer, ins Wasser wagen sie sich nicht. Die einen bleiben auch im Wasser in der Nähe des Ufers, andere wagen sich weit hinaus. Den sicheren Boden zu verlassen – das ist eine Herausforderung, der es sich auch sonst zu stellen gilt. Jemand lässt sich auf eine Beziehung ein – und das kann nicht gelingen, wenn er nur am eigenen Ufern zu wandern versteht. Auch politisch. Da verändert sich die Welt rundherum, die Wellen sichtbaren Unrechts schlagen ans Ufer. Da ziehen sich die einen nur weiter auf das Festland ihrer Gesinnung und Lebensweise zurück, befestigen vielleicht die Ufer. Andere wagen den Sprung in ein Stück Unsicherheit. Sie setzen sich den Erfahrungen derer aus, die keinen festen Boden unter den Füßen haben, die ohne hier landesübliche Sicherheiten leben. Es sind die weitaus meisten auf der Welt. Ein kleines Badevergnügen im Pool oder an einem See kann zum Denkanstoß werden: Es ist nicht einfach, ohne festen Boden zu leben. Für niemanden.