Der Berufsverkehr nimmt wieder zu, das Ende der Urlaubszeit macht sich nicht nur auf den Straßen bemerkbar. Wohnungsgesellschaften und Beratungsstellen beobachten seit Jahren, dass zum Ferienende vermehrt Beziehungen in die Brüche gehen. Personen, die sich trennen, möchten sofort ein neues Wohndomizil. Berater/innen bestätigen, dass der Ansturm gerade jetzt groß ist.
Während die einen nach einer Trennung alleine leben wollen und diese Phase ihres Lebens genießen, tun sich andere zunehmend schwerer, ihr Leben allein zu meistern. Allein-sein wird oft gleichgesetzt mit dem Gefühl, einsam und verlassen zu sein. Einsamkeit wird als Makel empfunden, als Schicksalsschlag, dem man nicht entkommen kann. Die Angst davor, neue Menschen kennen zu lernen, wächst – die Einsamkeit auch. Mit einer Selbsthilfegruppe möchte eine Beratungsstelle Menschen ermutigen, wieder Kontakt zu anderen zu suchen: ein erster Schritt, um aus der Einsamkeitsfalle auszubrechen.
Die Urlaubszeit ist vorbei, doch nicht nur der Sommer neigt sich dem Ende zu. Auch viele Beziehungen gehen in die Brüche. Alleine zu leben wird dann zur Herausforderung.
Das Ende der Urlaubszeit heißt für Beratungseinrichtungen und Wohnungsgesellschaften: Jetzt laufen die Drähte heiß. Markus Gutmann, Kundenbetreuer der WAG (Wohnungsanlagen GmbH), bemerkt schon seit Jahren, dass die Hochsaison für Wohnungssuchende nach der sommerlichen Urlaubszeit und nach den Weihnachtsfeiertagen beginnt: „Ich habe den Eindruck, dass die Trennungen um diese Zeit häufiger sind. Viele kommen jetzt zu uns und möchten am liebsten sofort eine eigene Wohnung. Die Wohnungssuchenden sind dann ganz überrascht, dass sie nicht die Einzigen sind mit ihrem Schicksal.“ Vor allem Frauen fragen nach, sagt Gutmann.
„Es geht nicht mehr“
Auch das Linzer Frauenbüro verzeichnet nun einen regelrechten Ansturm. An die 20 Personen rufen täglich an und informieren sich in Sachen Scheidung. „Gerade in der Urlaubszeit eskaliert die Situation. Meist hat es vorher schon in der Beziehung gebrodelt. Nach dem Urlaub sind sich viele im Klaren: Es geht nicht mehr. Ich möchte mich scheiden lassen“, berichtet Claudia Essenhofer. Sie ist Mitarbeiterin im Linzer Frauenbüro. Anfragen von Männern kämen eher per E-Mail, ergänzt sie und stellt auch fest: „Der Scheidungsratgeber geht jetzt sehr gut“.
Nach der Scheidung bzw. Trennung alleine leben zu können, das müssen viele Betroffene erst lernen. Innehalten, nachdenken, sich fragen: „Was will ich vom Leben?“, die Fähigkeit, mit sich selbst etwas anfangen zu können, sind die Anforderungen dieser Lebensphase sein.
Doch die Zahl derer wächst, die mit dem Allein-sein nicht mehr zurecht kommen. Die Betroffenen leiden darunter, kaum oder zu wenig soziale Kontakte zu haben. Das Allein-sein wird als negativ erlebt. „Ich fühle mich einsam“, ein Satz, der wie ein Stein auf dem Herzen liegt. Mit der Einsamkeit wird auch die Scheu größer, neue Menschen kennen zu lernen. Rückzug ist die Folge: „Nach Trennungen, Scheidungen, nach Arbeitslosigkeit oder Phasen zu intensiver Arbeit berichten Klienten vermehrt von Unsicherheit beim Kennenlernen anderer Menschen. Der eigene Selbstwert ist beeinträchtigt. Man empfindet sich als unintereressant, vielleicht sogar wertlos“, erzählt Mag. Karin Arico von der Beratungseinrichtung „Bily“.
Kein Schicksal: Einsamkeit
Oft dringt das Gefühl, ungeachtet und ungeliebt zu sein, in alle Poren des Körpers. „Ich werde nie jemanden kennen lernen, der zu mir passt“, „Ich gerate ohnehin immer an die Falschen“, sind Gedanken, die wiederkehren. „Einsamkeit betrifft alte und junge Menschen. Bei Jugendlichen ist die Gefahr in virtuelle Internet-Welten zu flüchten groß, reale Beziehungen bleiben hinten“, berichtet Arico, die seit 15 Jahren als Psychotherapeutin bei „Bily“ tätig ist.
Männer wie Frauen leiden unter Einsamkeit. „Bily“ reagiert darauf mit der Gründung einer gemischten Selbsthilfegruppe unter dem Motto: „Einsamkeit ist kein Schicksal“.
In den Selbsthilfegruppen lernen die Teilnehmer/innen aus sich herauszugehen, über ihre Erfahrungen zu reden. Auch Anregungen werden weitergegeben. Die Chance zwang- und absichtslos miteinander zu reden, hilft dabei mit Menschen in Kontakt zu treten. Das ist meist ein erster Schritt aus der Einsamkeitsfalle.
Eine Studie in den USA hat gezeigt, dass die Zahl der Menschen, die alleine leben, im Vergleich zu 1980 um 40 Prozent gestiegen ist. Vor allem ältere Menschen sind davon betroffen. Der Trend hält an. Die Zahl der Single-Haushalte hat sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt. Menschen, die alleine leben oder kein soziales Netz haben, sind öfter krank. Vermutet wird, dass Einsamkeit dabei eine große Rolle spielt.
Einsamkeit
- Allein-sein heißt noch nicht einsam zu sein. Allein-sein birgt die Chance, seine Fähigkeiten ausbauen zu können und Zeit zu haben für sich oder ehrenamtliches Engagement.
– Wird das Allein-sein negativ bewertet, kommt Einsamkeit ins Spiel. Einsamkeit ist das Gefühl, nicht geliebt zu werden, seine Welt mit niemandem teilen zu können.
„Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt“