Es ist, sagt die Bäuerin, ein gutes Jahr. Der regenreiche Frühsommer hat die Kulturen gut wachsen lassen. „Es ist eine Freude zu erleben, wie sich die Wiesen nach dem trockenen Vorjahr erholt haben, und wie es auch dem Wald gut geht“, meint sie. „Wenn ich mich darüber nicht mehr freuen könnte, hätte ich auch keine Freude an unserem Beruf mehr.“
In der Tat. Hohe Ernteerträge drücken auf den Preis. Ein guter Ertrag auf den Feldern muss noch keinen besseren Ertrag im wirtschaftlichen Ergebnis eines Jahres bedeuten. Das gehört zur Schattenseite des „freien Marktes“, der so frei gar nicht ist.
Die Bäuerin aus dem landwirtschaftlich gar nicht bevorzugten Mühlviertel hat etwas behalten oder vielleicht auch entdeckt, was dem modernen Denken immer mehr verloren gegangen ist. „Einkommen“ ist nicht nur eine Frage des Geldes. Auch die Freude und das Staunen zählen zum Einkommen. Heute versuchen Menschen auf dem künstlichen Markt der Unterhaltung und Freizeitindustrie ihren Bedarf an Lebensfreude nachzukaufen, weil ihr Alltag erlebnislos geworden ist. Ob Bauernhof, Büro oder Fabrik: je mehr Menschen dort versuchen, die Qualitäten ihres Alltags zu entdecken, zu entwickeln und zu pflegen, desto besser wird auch die Bilanz ihres Lebens ausfallen. Das wird besser gelingen, wenn sie sich dabei nicht vom Diktat des Geldes bestimmen lassen. Am schön gewachsenen Apfel hat man auch dann seine Freude, wenn sein Preis miserabel ist.
Am schön gewachsenen Apfel hat man auch dann seine Freude, wenn sein Preis miserabel ist.