Mit Enthaltsamkeit will George W. Bush Teenagerschwangerschaften bekämpfen – und hat damit keinen Erfolg, weil er auch die Aufklärung bekämpft.
Dass war selbst der ehrwürdigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Meldung wert: Christina Aguilera propagiert die Jungfräulichkeit Jugendlicher – sie sollen sich bis zur Ehe „aufheben“. Der Keuschheitstrend in den USA ist an sich nichts Neues, neu ist jedoch das Programm der Bush-Regierung, nicht nur Keuschheit zu propagieren, sondern Sexualaufklärung an den Schulen auf die Darstellung von Sexualkrankheiten zu beschränken – frei nach dem Motto: Über Sex zu reden mache nur Lust auf mehr. „Das ist ein völlig veralteter Zugang“, sagt der Sexualpädagoge Rudolf Roithmair von der Beratungsstelle Bily in Linz. „Eher ist das Gegenteil der Fall: Besonders Mädchen, die nicht aufgeklärt sind, tun sich härter, nein zu sagen. Nein sagen können, gehört zum so genannten sexuellen Selbstbewusstsein. Dieses ist umso größer, je mehr ich über Sex weiß. Sexualaufklärung heißt für uns, vorhandene Fragen sensibel, sorgfältig und seriös zu beantworten. Nicht aufzuklären hilft nicht.“ Auch Bush hilft der Aufruf zur Keuschheit und der Abkehr von seriöser Aufklärung nicht. Zwar wendet z. B. der Staat Texas, dem Bush als Gouverneur vorstand, mehr als 10 Millionen Dollar für die „abstinence only“-Programme aus (Keuschheitsaufforderung statt Aufklärung), aber in Texas gehen die Schwangerschaften von Minderjährigen am geringsten von allen Bundesstaaten zurück. Insgesamt liegen die Fälle von Teenagerschwangerschaften in den prüden USA um ein Vielfaches über jenen europäischer Staaten. 12.000 US-Teenager, die einen Keuschheitsschwur abgelegt hatten, wurden von der Columbia-Universität beobachtet. 88 Prozent brachen diesen Schwur und hatten vorehelichen Sex. Mangels Aufklärung zeigten viele von ihnen ein völlig unverantwortliches Sexualverhalten.
KJ für Verantwortung
Für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität steht auch die Katholische Jugend OÖ: „Jugendliche sollten sich nicht durch Umwelt, Medien oder Trends stressen lassen“, sagt Roswitha Pichler von der KJ, „jeder Mensch hat seinen persönlichen Weg und muss in der eigenen Lebenssituation und nach seinem Gewissen verantwortungsbewusst entscheiden, was er wirklich will.“ Aufklärung ist eine wichtige Voraussetzung: „Die Themen Sexualaufklärung und Enthaltsamkeit gehören voneinander getrennt. Wenn sich jemand für die Enthaltsamkeit als Umgang mit seiner Sexualität entscheidet, muss das ebenso eine reflektierte und durchdachte Entscheidung sein, die durch umfassende Aufklärung möglich ist, wie dies für gelebte und praktizierte Sexualität gilt. Sonst besteht die Gefahr, dass man mit den vorhandenen Gefühlen und Trieben nicht umgehen kann“, ergänzt die Sexualpädagogin bei der KJ. Eine ausreichende Kenntnis der biologischen Voraussetzungen und der Funktion verschiedener Verhütungsmittel sind für eine verantwortungsvolle Entscheidung über deren Verwendung oder Nichtverwendung ebenso erforderlich. Der ehemalige Jugendbischof Paul Iby nannte sie in seinem Jugendhirtenbrief 1996 „eine Frage des mündigen Gewissens“. Letztlich erfordert das Eingehen einer sexuellen Beziehung, sagt Pichler, ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein gegenüber sich selbst und der/ dem Partner. Darüber hinaus aber auch gegenüber einer dritten Person, einem neuen Leben, das aus einer sexuellen Beziehung zwischen Mann und Frau entstehen kann. Im bewussten Umgang mit seinen Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen und seinem Körper nähert man sich dem Du. Hier gilt die „goldene Regel“, dem „Du“ nichts zuzufügen, was man selbst nicht will. Jugendliche zur Keuschheit aufzurufen, ohne sie entsprechend aufzuklären – sei es über das körperliche „Know How“ oder den verantwortungsbewussten Umgang in einer (sexuellen) Beziehung-, ist kein Mittel gegen Teenagerschwangerschaften, wie das Beispiel USA lehrt. „Umfassende Aufklärung ist in jedem Fall die Basis für die Entscheidung, wie man seine persönliche Sexualität gestaltet“, sagt Roswitha Pichler – ob nun keusch oder nicht.
Zur Sache
Sex/Aufklärung
„Laut Studien spricht sich eine Minderheit von 3 Prozent der Jugendlichen (15 bis 18 Jahre) für Enthaltsamkeit bis zur Ehe aus“, sagt der Sexualpädagoge Rudolf Roithmair von Bily. Schule, Medien, die Mütter und die Freund/innen sind jene Gruppen und Stellen, die am meisten zur Aufklärung beitragen. Sowohl bei Mädchen als auch bei Burschen hat sich der Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs in den letzten 30 Jahren um 1,5 Jahre nach vor verlegt. Mit 15 Jahren haben rund 60 Prozent der Jugendlichen ihr „erstes Mal“ schon hinter sich. Nur eine sehr kleine Minderheit erlebt ihn nach 18 Jahren. Bei Mädchen hat sich interessanterweise auch die erste Regelblutung um ca. 1,5 Jahre biologisch vorverlegt.