Univ.-Prof. Dr. Rosenberger beim Energiestammtisch
Ausgabe: 2004/42, Rosenberger, Politik, Energiestammtisch, Malzer, Mystik,
13.10.2004
- Ernst Gansinger
DCF 1.0
„Eine Spiritualität, die unpolitisch ist, ist fauler Zauber.“ – Der Moraltheologe Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger sprach beim Schlüßlberger Energiestammtisch über Schöpfungsspiritualität.
Mystik und Politik gehören zusammen – Prof. Michael Rosenberger ist es ein Anliegen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Auf Einladung des Kirchenzeitungs-Solidaritätspreisträgers Sepp Malzer sprach Rosenberger am 11. Oktober vor etwa sechzig Energiestammtisch-Teilnehmer/innen über Schöpfungsspiritualität. Er sprach von Wahrnehmung und Askese, von Respekt vor jedem Geschöpf, der eigenen Verantwortung, auch von der Gewalt in der Schöpfung, vom Mitleid mit der gequälten Schöpfung, von der Vision vom Frieden in der Schöpfung, vom Maßhalten, von der Nachhaltigkeit als Gerechtigkeitsfrage, der Demut, dem Verzicht und der Opferbereitschaft.
Staunen – zurücktreten!
Schöpfungsspiritualität hat mit Wahrnehmen der Schöpfung zu tun. Wer staunt, tritt einen Schritt zurück, entdeckt in allen Geschöpfen Würde und empfindet Respekt für sie. Ein fataler Irrtum in der Auslegung der Schöpfungsgeschichte sei das Verständnis, der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Der Mensch wurde am sechsten Tag erschaffen, am siebten war Ruhetag. Der Sabbat ist daher die Krone der Schöpfung, das Ausruhen, Luft Schöpfen aller Geschöpfe....
Dein Reich komme
Aber Schöpfung ist nicht nur schön, sie ist auch brutal. Schöpfungsspiritualität nimmt diese Gewalt wahr. Auch die Bibel spricht sie schonungslos an. In ihr wird aber auch von der Vision der versöhnten Schöpfung, der Schöpfung in Frieden gesprochen (Ende der Zeit). Wenn wir beten „Dein Reich komme“, beten wir eigentlich, Dein Reich der versöhnten, der friedlichen Schöpfung komme. „So muss einem weh tun, wenn täglich so und soviele LKW über die Autobahn rasen und Dreck in die Luft blasen... Wenn Tiere quer durch Europa transportiert werden ...“ Dieses Mitleiden mit der Schöpfung drängt zur Frage: „Was kann ich zur Veränderung beitragen? Das hat politische Konsequenzen.
Rosenbergers Autobahnkritik wie auch eine später angebrachte Kritik am weltweit meist subventionierten Wirtschaftszweig, dem Flugverkehr, stößt einem Zuhörer sauer auf. Autobahnen und billiger Flugverkehr kämen doch den Konsumenten zu Gute. Das Konsumentenverhalten wird von Diskutanten mehrmals angesprochen. Die Konsumenten hätten es in der Hand, den irrsinnigen Warenquerverkehr durch den Kontinent zu drosseln, wenn sie Produkte aus der Umgebung kaufen. Rosenberger unterstreicht diese Kritik und meint: Der Treibstoff ist in den letzten 50 Jahren gemessen am Einkommen ständig billiger geworden, Transport ist daher billig, Arbeit teuer. Ein Umdenken ist notwendig, auch in unserem Freizeitverhalten.
Wir sind zum Maßhalten angehalten. Nur welches Maß? Das Maß schlechthin, meint Rosenberger, ist die Nachhaltigkeit. So zu leben, dass nachkommende Generationen eine ebenso lebenswerte Umwelt vorfinden wie wir. Maßhalten aber ist in einer Zeit, die vom Konsum geprägt ist, schwierig. Dennoch: „Warum habt ihr mich nicht gelehrt, Maß zu halten“ – werde der Vorwurf sein, den unsere Kindergeneration uns einmal machen wird.
Nur mit technischer Effizienzsteigerung werden wir die Probleme nicht in den Griff bekommen. Schöpfungsspiritualität mündet in Opferbereitschaft. Opfer bedeutet Verzicht in der Hoffnung auf einen späteren Gewinn. Das setzt langen Atem voraus.