Dirigent Nikolaus Harnoncourt: Kunst ist mehr als Aufputz oder eine „hübsche Zuwaage“
Ausgabe: 2005/09
03.03.2005
- Elisabeth Leitner
„Ich finde es besser, einen Konzertsaal zur Kirche zu machen als eine Kirche zum Konzertsaal“, sagt Nikolaus Harnoncourt im Gespräch mit Marie-Theres Arnbom für das Brucknerhaus Linz. „Die kulinarische Einstellung der Hörer ist ein Hindernis. Und es kann schon sein, dass der Tag kommt, wo man sagt, man sollte diese Kirchenmusik gar nicht mehr aufführen.“ Kinder für Musik zu begeistern ist dem Dirigenten wichtig: „Jeder hat ein Recht auf Kunst.“ Denn Kunst solle im Leben nicht Luxus, sondern Selbstverständlichkeit sein.
Die „Passion 2005“ wird mit einem – bereits ausverkauften – Konzert unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt eröffnet. Trotz wachsender Kirchenferne verkauft sich geistliche Musik nach wie vor gut.
„Kirchenmusik ist kein Stiefkind der Klassik“, sagt Johanna Pirngruber, Inhaberin eines Musikgeschäfts in Linz. Im Gegenteil: „Obwohl die Kirchenaustritte mehr geworden sind, ist der Verkauf von geistlicher Musik nicht zurückgegangen und Chormusik geht sehr gut – das gilt auch für Barockmusik.“ Besonders wenn Aufführungen „live“ stattfinden, hebe das vor und nach dem Konzert die Verkaufszahlen. Weltstars der klassischen Musik treten bei Stiftskonzerten in den barocken Prunkräume oberösterreichischer Stifte auf. Veranstalter wie Musica Sacra – eine Konzertreihe mit überwiegend sakraler Musik in Kirchen – und die Oö Stiftskonzerte freuen sich über tausende Besucher/innen bei oftmals ausverkauften Konzerten. Kirchenmusik sowie die Auseinandersetzung mit ihren Inhalten wird heute nicht mehr zwangsläufig mit Glaube und Religion und noch weniger mit Kirche in Verbindung gebracht.
Inhalte näher bringen
Losgelöst von ihrer Zeit, Intention und Entstehungsgeschichte gefällt sie, regt aber meist nicht mehr zur Auseinandersetzung an. Eine Entwicklung, die der Weltklasse-Dirigent Nikolaus Harnoncourt kritisch beurteilt. Es werde immer schwieriger, dem Publikum den Inhalt einer Messe näher zu bringen. Die Musik stehe im Vordergrund, das Wissen um die religiöse und spirituelle Bedeutung nehme ab: „Die kulinarische Einstellung der Hörer ist ein Hindernis. Und es kann schon sein, dass der Tag kommt, wo man sagt, man sollte diese Kirchenmusik gar nicht mehr aufführen“, so Harnoncourt. Eine Entwicklung, die nicht nur auf das Publikum zutreffe, sondern auch auf die Ausübenden: „Ich staune, dass weder Orchester noch Chor den Messtext kennen. Sie singen den lateinischen Text, wissen aber nicht, was er bedeutet. Das führt dazu, dass die Instrumentalisten die Betonungen nicht mehr richtig machen“, zeigt sich der Dirigent besorgt über die Herangehensweise der Musiker/innen. Befragt, was der richtige Rahmen für die Aufführung einer Messe ist, antwortet Nikolaus Harnoncourt: „Ich finde es besser, einen Konzertsaal zur Kirche zu machen als eine Kirche zum Konzertsaal.“
Recht auf Kunst
Die Kunst ist für den engagierten Musiker die „Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein“. Kunst versteht er nicht als „hübsche Zuwaage“ oder als Luxusware. Er meint, dass Musik zum guten Ton für alle gehöre, von Kindesbeinen an: „So wie man heute der Meinung ist, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, rechnen, schreiben und lesen zu lernen ..., so gibt es genauso das Recht auf Kunst, und zwar nicht nur entweder Musik oder Zeichnen, sondern einfach Kunst“, unterstreicht der Dirigent die Bedeutung von Kunst. Der heute 75-jährige Dirigent hat sich in seiner Laufbahn als Musiker immer in den Dienst der Kunst gestellt. Mit Leidenschaft, mit Tiefgang, mit Ernst. Am 14. März eröffnet Nikolaus Harnoncourt die „Passion 2005“ mit J. Haydns „Mariazeller Messe“ und W. A. Mozarts „Versperae solennes de Confessore“ KV 399. Es musizieren: der Concentus Musicus Wien, der Arnold Schönberg Chor, Elisabeth v. Magnus, Herbert Lippert u. a.
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