Michael Kirnbauer war von 1937 bis 1955 Pfarrer und Landwirt in Ried in der Riedmark.
Das KZ Mauthausen lag im Pfarrgebiet von Ried. Die Aufzeichnungen von Pfarrer Michael Kirnbauer bekommen dadurch besondere Brisanz. Die KIZ dokumentiert die Pfarrchronik des Jahres 1945.
1945. Möge es endlich das letzte Kriegsjahr sein. (...) Im April war im Lager Marbach (= KZ mauthausen) schon die SS-Mannschaft abgezogen bzw. geflüchtet. Ein großer Zug von Gefangenen ging schon über die Donau. Am Samstag, 5. Mai läuft durch den Markt die Kunde, die Amerikaner sind da. Die SS-Mannschaft der Schule wurde verhaftet und entwaffnet; die Gewehre auf der Schulwiese angezündet. Die Amerikaner hatten die Pferde im Pfarrhof eingestellt. Das Lager Marbach wurde am Vormittag besetzt, die Gefangenen zu Tausenden freigelassen, ganze Züge wandern in die benachbarten Ortschaften, ganz abgehärmte Gestalten jung und alt voll Hunger und Not. Schon Wochen vorher zogen von Osten her Schübe von Menschen mit dem kleinen Hab und Gut, das sie auf keinen Handwagen ziehen konnten. Vor dem Stadel brannten die kleinen Feuer zum Kochen, bis das Holz im Pfarrhof verbraucht war. Was an Milch, Brot und Fleisch gegeben werden konnte, geschah gerne. (...) Augenzeugen berichten vom Zustand des Lagers. Viele Tote lagen auf den Wagen und in den Kammern in fast Verwesung, so viele fast verhungert (...) Zivilsanitäter mussten die Toten bestatten und der Mord- und Modergeruch war entsetzlich. Das Schloss Marbach wurde von den Amerikanern als Spital eingerichtet. Auch seelsorglich betreut, Krankenölung gespendet den Katholiken, fast durchwegs polnischer Nationalität. (...) Unter den Lagerbauten wurde ein großer Friedhof angelegt und lauter Einzelgräber eröffnet. Zum Teil wurden kirchliche Einsegnungen vorgenommen. Die Verstorbenen waren zumeist Juden. In der Nähe der Linde, sie steht am höchsten Punkt von weitem überall sichtbar, wurden Massengräber angelegt zur Zeit des Massenmordes im Lager, wo das Krematorium nicht mehr genug veraschen konnte. (...) Die Tage des Umsturzes waren da. Viele Nazis verstanden sich zu tarnen, ließen sich in Besatzungsuniformen stecken und machten gute Dienste. (...) Nun musste die amerikanische Besatzung zurückweichen, die Russen standen bereits in Niederzirking (...) Eintrag zu Silvester 1945: Möge bald ein Welt- und Völkerfriede kommen. Gott füge es bald.“(Redigiert: Pfarrer Engelbert Leitner)
Einzigartiger Pfarr-Chronist
Zur Person
Die Pfarre Ried in der Riedmark besitzt eine einzigartige Chronik. Der Florianer Chorherr und Pfarrer Michael Kirnbauer (verstorben 1962) hat auf mehr als zwanzig Seiten die Ereignisse der Jahre 1938 bis 1945 festgehalten: Ungeschminkt schreibt er vom Aufbau des KZ Mauthausen und von den Gräueln, die dort verübt wurden.
So notiert Pfarrer Kirnbauer: „Das Gebell der dressierten Wolfshunde dringt in den Mitternachtsstunden aus dem Lager weit in die Umgebung und benachbarten Dörfer. Es besagt Schlimmstes, die Jagd auf wehrlose Menschen.“ Warum der Pfarrer diese Chronik geführt hat, die bei Entdeckung unweigerlich den Tod bedeutet hätte, lässt sich nur vermuten. „Er hat sich wahrscheinlich das Wissen um die Vorgänge im nahen KZ von der Seele geschrieben“, meint der jetzige Rieder Pfarrer, Engelbert Leitner: „Das Schreiben könnte eine Art Ventil für die psychischen Belastungen gewesen sein.“ Die Chronik hielt Pfarrer Kirnbauer möglicherweise auf dem Dachboden versteckt. In den siebziger Jahren fand man zufällig am Dachboden Jugendstil-Vasen, die der Pfarrer verborgen, dann aber vergessen hatte. Auch für die Chronik schienen ihm die Sparren des Dachstuhls ein geeignetes Versteck gewesen zu sein.