Ausgabe: 2005/46, Unter uns, Gansinger, warten, Winter
17.11.2005
- Ernst Gansinger
Der Winter hat sich angekündigt. Besser: der Wetterbericht hat ihn angekündigt. Das war überraschend. Kann doch niemand erwarten, dass man um diese Zeit den Winter erwarten muss. Der Wintereinbruch überrumpelt also viele Gärtner und Autofahrer, die ihre Gärten oder Autos noch lange nicht winterfest gemacht haben. Mit großer Gelassenheit haben sie die letzten Wochen verstreichen lassen, in denen doch niemals daran zu denken war, dass es wieder Winter wird. Nun aber brennt der Hut, eigentlich friert er. Und die einst so Gelassenen stehen ungelassen Schlange vor der Reifenmontage. Es dauert ihnen zu lange. Selbst haben sie es Wochen dauern lassen, nun soll alles im Nu geschehen. Weil aber viele zur gleichen späten Zeit die Wintersorge rasch vorbei haben wollen, wird es für alle zu einer Angelegenheit von mehreren Nu’s, in der die Montagehallen von Autoabgasen und viel Grant erfüllt werden. Die Ungeduld gegenüber Anderen der gegen sich selbst so Geduldigen ist ein jährliches voradventliches Phänomen. – Mit der Tugend des Wartens verhält es sich wie mit der Tugend der Nachsicht: Man ist sich gegenüber viel tugendhafter als gegen andere!!