Vor der Entscheidung: die Beziehung neu gestalten oder den Mann verlassen
Ausgabe: 2008/18, Entscheidung, Beziehung, Harant, Trennung, zwei Männer
30.04.2008
- Mag. Franz Harant
Aus der Praxis: Juliane, etwas über 50, ist mit einem ziemlich älteren Mann, der schon einmal verheiratet war, 27 Jahre beisammen. Sie berichtet: „Wir haben uns sehr entfremdet, vor allem weil mein Mann Hans immer mehr getrunken hat. Das hat das Zusammenleben sehr schwierig gemacht. Nun habe ich einen anderen Mann kennengelernt, bei dem ich mich ausreden konnte. Der hat mich verstanden. Als ich merkte, dass ich sehr in ihn verliebt bin, begann mein großes Dilemma.“ Juliane stellt sich die Frage: „Kann ich meinen Mann im Stich lassen?“ Und sie schildert, dass ihr Mann bei ihr eine Veränderungbemerkt hat und nun sehr um sie bemüht ist. Er trinkt weniger, ist aufmerksamer. Trotzdem sagt sie: „Hans zu verlassen, macht mir ein furchtbar schlechtes Gewissen, aber lieben tue ich den andern.“
Eines bleibt nicht erspart, egal, ob man eine schwierige Beziehung beendet oder neu gestaltet: Man muss die Verantwortung für die Entscheidung übernehmen.
Für Juliane ist die Beziehung mit Hans nicht mehr lebbar geworden. Trotzdem fühlt sie sich an ihren Mann gebunden. Es kann die Angst sein, die sie bindet, dass Hans, wenn sie ihn verlässt, dem Alkohol total verfällt. Es können aber auch die Jahre des Miteinanderlebens sein, die Juliane und Hans verbunden gemacht haben, trotz der immer schlechter werdenden Beziehung. Das ist das eine.
Kraft für Neues. Das andere ist: Frau Juliane spürt, dass Liebe Kraft für Neues geben kann. Zu diesem Neuen fühlt sie sich hingezogen. Sie hat noch viel Leben vor sich und möchte dieses gestalten, anders als das bisherige.
Engagement. Wofür sich Juliane auch entscheidet, Erneuerung oder Neues, beides erfordert Engagement und mehr noch: Es hat seinen Preis.
Neubeginn mit Fantasie. Juliane hat die Möglichkeit, Hans, bei dem offenbar aufgrund der Krise Veränderungsbereitschaft gegeben ist, eine neue Chance zu geben, sein Leben zu ändern und weg vom Alkohol zu kommen. Günstig ist, wenn bei Hans ein gutes Zusammenleben mit Juliane und nicht die Verlustangst im Vordergrund steht. Es braucht dann zudem schon auch Fantasie, um eine Art Neubeginn zu starten. Konkret heißt es, aufeinander zugehen, Gespräche und Unternehmungen, die neu verbunden machen können. Liebe kann durch Intimität imGespräch und körperlicher Begegnung wieder erwachen. Die Verantwortung für die Gestaltung der Beziehung haben Juliane und Hans zu gleichen Teilen zu übernehmen. Dieser Weg der Erneuerung der Beziehung kann mühsam, aber auch beglückend sein.
Verantwortung übernehmen. Wenn Juliane anders entscheidet, muss sie auch dafür Verantwortung übernehmen und sich dem stellen, was sie Hans mit ihrem Weggehen antut.