Missbrauchsfall in Amstetten: Pfarre will den Opfern helfen
Ausgabe: 2008/18, Abgründe, Elisabeth S., Amstetten, Pfarrer, Peter Bösendorfer, Missbrauch, Aufmerksamkeit, Unauffälligkeit, Adoptivtochter, Behörden, Opfer
01.05.2008
- Matthäus Fellinger
24 Jahre wurde Elisabeth S. in Amstetten vom eigenen Vater im Keller gefangen gehalten und missbraucht. Sieben Kinder hat sie in dieser Zeit geboren, drei von ihnen mussten im Kellerverlies mit ihrer Mutter leben. Den Pfarrer von Amstetten, Peter Bösendorfer, macht der „Fall” sehr nachdenklich.
Gegen Mittag verbreitete sich die Nachricht vom unvorstellbaren Missbrauchsfall wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Mehr und mehr Details über das unvorstellbare Martyrium wurden bekannt. Pfarrer Peter Bösendorfer zeigt sich auch am Montag tief erschüttert. Ein befreundeter Presse-Journalist, der ganz nahe beim Haus der betroffenen Familie wohnt, hatte ihn angerufen. Dieser war selbst schockiert darüber, was jahrelang in seiner unmittelbaren Nähe vor sich gegangen war.
Auch für den Pfarrer unvorstellbar. Pfarrer Bösendorfer erinnert sich an die beiden Mädchen, die vor sieben und vor fünf Jahren bei der Erstkommunion waren. Als zwei stille, ruhige und ganz unauffällige Mädchen hat er sie in Erinnerung. Kein Gedanke wäre ihm gekommen, dass da etwas nicht stimmen könnte. An die Großmutter, die die Kinder damals begleitete, kann sich der Pfarrer kaum erinnern. Zu denken gibt dem Seelsorger auch, dass das alles in einer Straße passieren konnte, in der jeder fast jeden kennt. Es ist keine Randsiedlung mit hoher Fluktuation, in der die Menschen wenig Kontakt miteinander hätten. „Mir ist bewusst geworden, welche Verantwortung man hat“, sieht sich Bösendorfer besonders als Seelsorger herausgefordert. „Mehr und mehr komme ich darauf, wie wichtig das ist – dass man aufmerksam füreinander ist, und dass man mit offenen Augen durch die Welt geht – gerade auch als Pfarrgemeinde.“
Es braucht Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit füreinander soll freilich nicht zu einem argwöhnischen Beobachten oder gar zum Anschwärzen anderer führen. „Wir müssen aber das Interesse füreinander schärfen, uns dafür interessieren, wie es jemandem geht“, meint Bösendorfer. Der Schock über das Unvorstellbare könnte ein Anstoß werden, mehr auf dieses Miteinander zu achten. Pfarrer Bösendorfer will nun mit den Behörden und Psychologen in Verbindung treten: „Gott sei Dank haben wir in Amstetten da ein sehr gutes Miteinander.“ Die Pfarre, vor allem der Sozialausschuss, wird überlegen, was man tun kann, damit die betroffene Familie hier weiterleben kann. Dabei steht nicht das Finanzielle, sondern die menschliche Hilfe im Vordergrund. Dann geht es aber auch darum, die Betroffenheit der Menschen in der Pfarre ernstzunehmen. Bei der Bittprozession am Montag Abend wurde das ganze Geschehen im Gebet vor Gott hingetragen. „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen”, betont Pfarrer Bösendorfer.
Kommentar
Wer an das Gute glaubt
Wien, 1996 – Der „Fall K“: Ein Wiener Ehepaar hatte eine geistig zurückgebliebene Adoptivtochter in einer sargähnlichen Holzkiste in einem Abstellraum eingesperrt gehabt, ehe die Frau befreit werden konnte. August 2006 – Acht Jahre nach ihrer Entführung flieht die Wienerin Natascha Kampusch aus ihrem Verlies. Dass dieser „Fall Kampusch“, als der er in die österreichische Kriminalgeschichte eingegangen ist, an Grausamkeit noch zu steigern wäre, ist kaum vorstellbar – und doch ist es der Fall. Auch wer an das Gute im Menschen glaubt, muss mit dem Bösen rechnen. Auch in „zivilen“ Zeiten ist möglich, was man sonst etwa aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft oder aus blutigen Kriegen kennt: dass der Mensch dem Menschen zur Bestie wird. Was in jenem Keller in Amstetten und wohl auch im darüber liegenden Haus geschah, schockiert wegen der vielfältigen Dimension des Bösen, das hier sichtbar wurde: Inzest, Missbrauch, Beraubung jeglicher Freiheit. Menschliche Liebe wurde in ihr Gegenteil verkehrt. Der Weg der Schuld führte in eine immer tiefere Verstrickung. Trotzdem: Wer an das Gute im Menschen glaubt, muss auch mit dem Guten rechnen. Darin besteht nun die eigentliche Herausforderung: Dass die Betroffenen nicht erneut zum Opfer werden – diesmal der öffentlicher Neugier-Befriedigung. Pfarre, Psychologen oder Behörden, auch die Jutiz, tun das Ihre. Nicht nur das Tageslicht soll den Betroffenen wieder scheinen, sondern das Licht der Hoffnung eines besseren Lebens.