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Werte sind gefragt, denn die Wirtschaft allein frustriert

Der Kapitalismus Chinas ist der „Elchtest“ für die katholische Soziallehre
Ausgabe: 2008/18, China, spirituell, Olympische Spiele, P. Stephan Rothlin, geistiger Klimawandel, Peking, Wirtschaftsuniversität, Kapitalismus, Gott, Jesuiten, Christentum
06.05.2008
- Josef Wallner


Der Jesuit Stephan Rothlin ist ein Pionier: Er hält in Peking an der Wirtschaftsuniversität Vorlesungen über die katholische Soziallehre – in einem Land, in dem der Kommunismus Staatsdoktrin ist und der Wirschaftsboom den schrankenlosen Kapitalismus zum Gott gemacht hat.

China ist weltweit einzigartig: Im „Reich der Mitte“ wächst die Wirtschaft jährlich um rund elf Prozent und das ununterbrochen seit 30 Jahren. Diese Wirtschaftsbilanz ist nur durch den enormen menschlichen Einsatz möglich, erklärt Stephan Rothlin: „Die meisten Menschen arbeiten bis zu 13 Stunden täglich, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr – mit maximal zwei freien Tagen zu Neujahr.“ Es gibt für den Jesuiten nichts zu beschönigen: „In China herrscht wildester Kapitalismus.“ Und dennoch würdigt P. Rothlin aus Überzeugung auch die wirtschaftlichen Errungenschaften des Landes mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern. In dieser Spannung übt er seinen Beruf aus und lehrt an der Pekinger Universität für Internationalen Handel und Wirtschaft die Prinzipien der katholischen Soziallehre. Dabei steht Rothlin nicht auf verlorenem Posten. „Nach und nach wächst das Bewusstsein, dass Wirtschaftswachstum nur nachhaltig sein kann, wenn es von ethischen Werten getragen ist.“ Diese stellt er den Student/innen vor: die Würde des Menschen, die Gleichheit aller vor dem Gesetz und die persönliche Verantwortung.

Geistiger Klimawandel. In der europäischen Berichterstattung über China werde der Eindruck erweckt, dass es keine Sozialgesetze gäbe und dass Ausbeutung politisch wie gesellschaftlich akzeptiert seien. „Das Gegenteil ist der Fall“, meint Rothlin. Als Beispiel nennt er die rund 1000 Ziegeleiarbeiter, die als Sklaven gehalten wurden und deren Bilder vor einigen Monaten weltweit für Empörung sorgten. „Das war auch eine nationale Katastrophe für China, die selbst die einheimischen Medien nicht beschönigt haben.“ Als Konsequenz daraus traten mit 1. Jänner 2008 strengere Arbeitsgesetze in Kraft. Mit seinem Einsatz versucht Rothlin das Bewusstsein zu stärken, dass die Einhaltung von Gesetzen zu den tragenden Säulen einer Gesellschaft gehört. Der Jesuit hält aber nicht nur Vorlesungen an der Uni, sondern gibt auch Seminare in Unternehmen. Das gefragteste Thema ist das der Korruption. Wenn der Weg zu einer menschengerechten Wirtschaft auch noch weit ist, merkt Rothlin doch eine Klimaänderung: „Die Studierenden sind weniger zynisch als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Sie spüren, dass sie ohne Werte nicht weiterkommen, denn die Wirtschaft allein frustriert.“



Zur Sache


China spirituell nur „mäßig“ offen

Im Unterschied zu den Philippinern, den Tibetern oder anderen Völkern Asiens denken die Chinesen nicht gleich an Religion. Sie sind extrem wirtschaftlich orientiert, diagnostiziert der in Peking lehrende Jesuit Stephan Rothlin. Dennoch seien die Chinesen zur Zeit sehr offen für alles Religiöse, da sie spirituell völlig ausgebrannt sind. Rothlin kennt niemanden, der noch an das kommunistische System glauben würde. Darum haben alle Religionsgemeinschaften großen Zulauf – auch das Christentum. Der Jesuitenpriester Rothlin selbst kann aber nicht pastoral tätig sein und hält weder zur Untergrundkirche noch zur staatlich geduldeten Kirche Kontakt. Pastoraler Einsatz würde seine Lehrerlaubnis an der Universität gefährden. In Abstimmung mit seinen Ordensoberen hat aber die Vorlesungstätigkeit im Fach Wirtschaftsethik und katholische Soziallehre Vorrang. „Trotz aller Öffnung gibt es von staatlicher Seite immer noch die Befürchtung, dass die Kirchen zu einflussreich werden.“ Wenn er als Ausländer in die Seelsorge ginge, würde er umgehend ausgewiesen, erklärt Rothlin.

Olympische Spiele

Während die olympische Flamme im Spießrutenlauf nach Peking gebracht wird, macht Stephan Rothlin auf einen wenig beachteten Aspekt der Spiele aufmerksam: Die Bewohner Pekings freuen sich sehr auf die Olympiade, weil sie dabei mit Menschen aus aller Welt in Kontakt kommen können.
Diese Möglichkeit hatten sie noch nie. Sie ist für die Gesellschaft wichtig. Die weltweiten Tibet-Proteste wolle er nicht kritisieren, aber er möchte auch auf diese Perspektive der Spiele hinweisen.
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