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Aus der Praxis: Als Doris acht Monate alt war, verließ ihr Vater ihre Mutter. Er kannte damals bereits die Frau, die er später heiratete. Mit dieser hat er noch zwei Töchter. Doris wuchs bei ihrer Mutter auf und war ein stilles Kind. Sie versuchte, der Mutter so wenig Probleme wie möglich zu machen, denn diese hatte es nicht leicht, neben dem Beruf alleine für ihr Kind zu sorgen. Doris wirkte immer größer und erwachsener, als sie war. Heute hat Doris selbst zwei Kinder im Alter von fünf und drei Jahren. Als ihr Alexander, ihr Lebensgefährte, vor einigen Wochen einen Heiratsantrag machte, freute sie sich. Auch sie möchte die Beziehung zu ihm festmachen. Gleichzeitig konnte sie diese Freude aber nicht zeigen. Später stürzte sie der Antrag in tiefe Zweifel, die sogar eine Depression auslösten. „Ich weiß nicht, ob ich den Antrag annehmen soll. Ich bin ganz unsicher, ob ich ihn wirklich heiraten will. Er denkt über viele Dinge ganz anders als ich. Ich traue mich aber nicht, ihm das zu sagen. Ob ich überhaupt eine Ehe leben kann?“
Möglicherweise wirkt der Schock über das „Verlassenwerden“ durch den Vater in Doris immer noch nach. Es ist, als ob sie die Gefühle ihrer Mutter in ihr eigenes Leben übernommen hätte.
Doris war schon als Kind still und brav, wie sie selbst sagt. Sie spürte, dass es ihre Mutter nicht leicht hatte, also schützte sie sie, indem sie eine vernünftige und „pflegeleichte“ Tochter war. Eigene Wünsche und Ansichten erlaubte sie sich kaum. Nicht einmal in der Pubertät brachen diese so richtig durch.
Verlassen werden. Nun hat der Antrag von Alexander Gefühle ausgelöst, die Doris bisher nicht wahrgenommen hatte. Soll ich mich wirklich binden? Doris hat erlebt, dass ihr Vater sich an ihre Mutter nicht gebunden hat. Nicht nur das – er hat mit dem Weggehen auch Doris verlassen. Später war die Verbindung zu ihm nur sehr sporadisch. Diese Erfahrung lässt sie zweifeln, ob sie sich auf Alexander verlassen kann und ob sie selbst fähig ist, eine Ehe einzugehen. Tief drinnen steckt die Angst, von Alexander vielleicht auch verlassen zu werden.
Kein Verlass. Unbewusst vergleicht sie Alexander mit ihrem Vater und trägt vermutlich das Bild in sich: „Auf Männer ist kein Verlass, sie gehen, wenn es ihnen passt, und ich habe keinen Einfluss darauf.“ Deshalb glaubt sie wahrscheinlich, ihre eigenen Ansichten Alexander gegenüber nicht äußern zu können, um ihn nicht zu kränken und nicht zu verlieren.
Stolzer Vater. Im Laufe der Beratung beschloss Doris, mit ihrem Vater Kontakt aufzunehmen. Sie hat ihm Alexander und ihre Kinder vorgestellt und ihn zur Hochzeit eingeladen. Von ihm und seiner Familie wurden alle herzlich aufgenommen. Sie spürte, dass der Vater sie als seine Tochter mag und sogar stolz auf sie ist. Die Mutter von Doris begrüßte die Kontaktaufnahme zwischen Vater und Tochter und kann es gut aushalten, dass der Vater bei der Hochzeit dabei sein wird.
Eigene Sicherheit. Der nächste Schritt von Doris wird sein, mit Alexander offen über ihre Bedenken zu reden, in der Hoffnung, dass er sie versteht. Diese eigene Sicherheit und Standfestigkeit wird ihr helfen, eine „erwachsene“ Beziehung zu ihrem Partner zu erreichen. Sie kann erfahren, dass Alexander zuhört und die Beziehung nicht bei der ersten Unstimmigkeit zerbrechen muss. Wenn sie lernt, ihren eigenen Standpunkt zu vertreten, wird sie auch auf ihre eigene Kraft vertrauen können.