1968, die ersten acht Monate. – Europa schaut mit Sympathie nach Tschechien, damals CSSR. Alexander Dubcek versucht mit seinem Team, einen innerparteilichen Weg zu gehen, der dem Kommunismus ein menschliches Antlitz gibt. In der Nacht vom 20. auf den 21. August wird der Traum durch den Einmarsch der Sowjetunion und anderer „Bruderstaaten“ gewaltsam beendet. 40 Jahre später erinnern sich kirchlich beheimatete Menschen in Südböhmen und Menschen, die nun in Oberösterreich leben, an den „Prager Frühling“.
Viel ist geblieben, sagt der Kanzler des Bistums Budweis, Vaclav Kulhanek, auf die unser Gespräch abschließende Frage, ob der Prager Frühling heute noch nachwirkt oder eine versunkene Episode war. Und Dipl.-Ing. Vladimir Feldman (als Jahrgang 1929 kein Jahr älter als Kulhanek) präzisiert: für die Kirche sei es gewesen wie das Auftauchen eines Wales, der an die Wasseroberfläche kommt, um Luft zu holen. Die Kirche Tschechiens hat 1968 Luft holen können. Was während der Zeit des Kommunismus in Tschechien gefährlich war – sich in der Kirche einzusetzen –, war nun möglich, ohne zu riskieren, verhört zu werden, ohne dass den Kindern angedroht wurde, nicht studieren zu können. Auch konnten die Priesterstudenten ihr Studium fortsetzen. Die Bischöfe konnten zurückkehren (nach Budweis zum Beispiel am 9. Juni 1968), Pfarrbesetzungen durch die Bischöfe wurden wieder möglich, denn die staatlichen Kirchensekretäre zeigten sich milder. – 1970 drehten die Kommunisten den Spieß dann wieder um.
Situation der Kirche. Man muss sich die Situation der tschechischen Kirche ab 1950 vor Augen halten. – Vaclav Kulhanek etwa musste, als die Kommunisten 1950 die Priesterseminare schlossen und nur zwei Theologische Fakultäten im ganzen Land zuließen, das Studium unterbrechen und als waffenloser Zwangsarbeiter beim Militär am Bau arbeiten, deutlich länger als sonst der Präsenzdienst dauerte. Von 1954 bis 1973 war Kulhanek dann Arbeiter in einer Fabrik und konnte schließlich 1968 im Fernstudium die Priesterausbildung fortführen.
Wie eine Lawine. 1968, am 5. Jänner, wurde Alexander Dubcek, erster Zentralsekretär der Kommunistischen Partei der CSSR. „Dann begann alles wie eine Lawine.“ Nowotny trat am 22. März als Präsident zurück, Ludvig Svoboda wurde zum Präsidenten gewählt. „Die Menschen konnten sich endlich freier bewegen und sie wollten diese neue Freiheit leben. Alles war voll Hoffnung auf eine bessere Zukunft“, sagt Kulhanek. Das gesellschaftliche Leben und die Kunst sind aufgeblüht. In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 zerstörten russische, polnische, bulgarische, ungarische und DDR-Truppen den Traum des Prager Frühlings.
Studium und Wissenschaft. Vladimir Feldman hat einen „komplizierten Lebenslauf“. Er konnte sein Chemiestudium nicht beenden, weil er einem verfolgten Jugendfunktionär, einem guten Freund, geholfen hatte. 1957 kam er deswegen ins Gefängnis, dann arbeitete er drei Jahre im Bergwerk und kam schließlich nach Budweis, wo er Kläranlagen baute. Er durfte sogar das Studium beenden, was sich durch den Prager Frühling noch beschleunigte. Einen Akademikerposten bekam er aber nicht. In seiner Pension hat er Aufgaben in der Diözese übernommen (u.a. als Dolmetscher bei Vorlesungen von Prof. Renöckl in Budweis).
Mag. Georgine Lansky, Mitglied des „Cesky stul“ (siehe rechts), war zur Zeit des Prager Frühlings 13 Jahre jung. Sie erinnert sich daran, dass ihrem Vater, der Dozent an der Karlsuniversität in Prag war, der Prager Frühling die Aufnahme längst fälliger Kontakte zu ausländischen Kollegen und eine persönliche Begegnung mit ihnen ermöglichte. Nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen konnte Lansky aber nicht mehr in die CSSR zurück. Er wurde Professor an der Uni Linz.
Faires Verhältnis. Dubcek hatte zu Kirche und Religion ein faires Verhältnis aufgebaut. Endlich war es möglich, sich kirchlich zu engagieren. Leichter blieb es auch nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes noch einige Zeit, denn die neuen Mächtigen waren damit beschäftigt, die eigenen Reihen von Reformern zu säubern. Die Kirche hatte noch eineinhalb Jahre Ruhe. Doch ein zwar weniger brutaler, aber sehr beherrschender Kommunismus war zurückgekehrt. Und blieb bis Ende 1989.
Erinnerungen
Nadja Salmhoferova, die beim „Cesky stul“, dem von Herbert Vorbach gegründeten und betreuten tschechischen Stammtisch in Linz, mitmacht, ist Jahrgang 1967. Von ihren Eltern weiß sie, dass viele Bürger damals „nach 20 Jahren Stalinismus von ihrem politisch erzwungenen Tiefschlaf erwacht sind. Sie haben ihre Passivität, Resignation und Skepsis der Politik gegenüber binnen weniger Monate gegen gesellschaftliches Engagement, Hoffnung und naives Vertrauen getauscht.“ Danach sei die Entäuschung riesig gewesen.
Mag. Georgine Lansky, damals 13 Jahre alt, sagt, „wir, die Kinder in Prag, hatten zum ersten Mal in unserem von politischer Propaganda durchtränkten Leben die Chance, unbeaufsichtigt über Politik zu reden.“ Sie erinnert sich an ein Interview im Radio, bei dem ein ehemaliger Gefangener seinen Gefängniswärter fragte, weshalb er so brutal gewesen sei. „Die Sprachlosigkeit des Gewalttäters hat nicht nur mich erstaunt, aber auch die Möglichkeit, die Opfer würden bereit sein, zu vergeben.“