Im anstehenden Wahlkampf spielen die Themen Zuwanderung und Fremde im eigenen Land wieder eine größere Rolle. Mit der Angst vor dem Fremden kann man leicht Stimmung machen und Stimmen gewinnen. Sich gegenüber anderen abzugrenzen stärkt die eigene Identität und vermittelt Schutz. Jeder Mensch hat und braucht seine persönlichen Grenzen.Das hat aber auch eine andere Seite: Allzu starre Barrieren engen das eigene Leben ein, machen hart und ungerecht. „Wahrt das Recht und sorgt für Gerechtigkeit ... Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt.“ Der Prophet Jesaja fordert uns in Gottes Namen auf, über Grenzen hinaus zu denken und handeln! Besonders schwer ist das, wenn die eigene religiöse Tradition auf dem Spiel steht. Auch Jesus muss da offensichtlich lernen: einer nichtjüdischen Frau zu helfen, übersteigt den Horizont des damaligen Glaubensverständnisses. Jesus weiß sich zunächst nur zu den Juden gesandt und spricht in einem sehr harten Bildwort von den Heiden als Hunden. Die Frau nimmt dieses harte Wort auf, „Ja, aber ...“ Ihre Not und ihr starker Glaube bringen Jesus dazu, selber einen Schritt weiterzugehen und die Tür zu den Heiden zu öffnen. Dort, wo wir in allzu engen Grenzen denken, brauchen wir manchmal den Widerspruch, der mit „Ja, aber ...“ unseren Horizont erweitert und neue Möglichkeiten ins Spiel bringt. Das ist zwar mühsam, aber notwendig – für jede/n Einzelne/n und für unser Miteinander. So wie Jesus hatte auch die junge Kirche Mühe zu lernen, als Gemeinschaft von Juden und Heiden zu leben. Wie kann man an der eigenen Tradition und Kultur festhalten und dennoch über den Horizont schauen? Für Paulus steht eines fest: „Unwiderruflich sind Gnade und Berufung Gottes.“ Die Gewissheit, dass Gott treu zu uns steht, befreit und lässt Grenzen überschreiten: um des Lebens und der Liebe willen.
Zum Weiterdenken
Die Zusage der Nähe Gottes gilt jedem Menschen. Unter diesem Blickwinkel werden Unterschiede und Abgrenzungen zweitrangig. Ich kann das mir Fremde als Bedrohung sehen – oder als Bereicherung.
Alois GedlPastoralassistent im Seelsorgeraum Tannheimer Tal und Jungholz (Diözese Innsbruck), Gemeindeberater in Ausbildung. Den Autor erreichen Sie unter- sonntag@kirchenzeitung.at