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Die Lage im Kaukasus ist weiterhin kritisch

Trotz Waffenstillstand in Georgien steht der Friede auf wackeligen Beinen
Ausgabe: 2008/34, Kaukasus, Waffenstillstand, Friede, Georgien, Konflikt, Krieg
20.08.2008
- Susanne Huber
Im Georgien-Konflikt ruhen die Waffen. Ob dieser Friede halten wird, ist unklar – wie so Vieles in diesem Krieg. Ob der Abzug russischer Truppen aus Georgien wie geplant auch tatsächlich stattgefunden hat, war zu Redaktionsschluss noch offen.

Erleichtert atmeten die drei Don-Bosco- Schwestern in Tiflis auf, als der russische Präsident Dmitrij Medwedjew am 12. August via Fernsehen verkündete, dass sich Russland und Georgien nach fünf Kriegstagen auf einen Waffenstillstand geeinigt haben. Seit 1997 sei der Orden der Don-Bosco-Schwestern mit zwei Niederlassungen in Georgien vertreten, berichtet Sr. Renate Schobesberger. Sie war erst im Juli mit österreichischen Freiwilligenhelfer/innen im Zuge eines Don-Bosco-Projekts für Jugendliche vor Ort. „Wir sind gerade noch rechtzeitig zurückgekehrt, bevor die Kämpfe begonnen haben“, erzählt die Don-Bosco-Schwester. Sie sorgt sich um ihre Mitschwestern in der georgischen Hauptstadt, mit denen sie momentan häufig telefoniert. „Die Menschen in Tiflis sind trotz Ende des Krieges beunruhigt. Über das Ausmaß der Kämpfe ist noch nichts Genaueres bekannt. Sr. Susanne bestätigte die Meldungen aus den Medien, dass „das Zentrum der Hauptstadt nicht direkt angegriffen wurde, aber der Militärflughafen außerhalb der Stadt“. Generell waren die Bombenziele von russischer Seite strategisch und symbolisch gewählt. So wurde z. B. Gori bombardiert, die Geburtsstadt Stalins, der Schwarzmeerhafen in Poti wurde zerstört, wo eine Ölpipeline liegt, und der Militärstützpunkt in Senaki ist unter Beschuss genommen worden.

Auf der Flucht. Im Krisengebiet des Kaukasus gibt es nach Angaben von UN-Experten etwa 100.000 Flüchtlinge. Aus der georgischen Stadt Gori sind laut UN-Schätzungen 56.000 Menschen geflohen. Etwa 30.000 Osseten sind nach Russland geflüchtet, weil sie einen russischen Pass besitzen. Die Zahl der Todesopfer ist ungewiss. Russische Medien sprechen von 2000 Toten, darunter zahlreiche Zivilisten. Lebensmittel, Wasser und Medikamente sind knapp. Hilfsorganisationen wie z. B. die Caritas sind bereits im Einsatz, um den Flüchtlingen zu helfen.

Hintergrund. Momentan ist der Krieg zwar beendet, doch der seit Jahrzehnten bestehende Konflikt zwischen Georgien, Südossetien und Abchasien wird noch lange nicht gelöst sein. 1992 haben sich beide Provinzen von Georgien abgespalten und betrachten sich seit dieser Zeit als unabhängig. Doch völkerrechtlich gesehen sind diese Regionen Teile Georgiens. In den letzten Monaten hat sich der Konflikt ständig verschärft. Über den genauen Kriegsverlauf gibt es keine zuverlässigen Angaben. Georgiens Präsident Michail Saakaschwili möchte die beiden Provinzen zurückerobern. Doch diese streben die Unabhängigkeit an, u. a. aus ethnischen und religiösen Gründen. „Die ursprüngliche religiöse Tradition der Osseten wurde durch Georgier und Russen unterdrückt. Und nun versuchen sie, in beiden Republiken, im Norden und im Süden, ihre religiösen Traditionen wiederzubeleben“, erklärt der Moskauer Religionssoziologe Sergej Filatov. Schließlich hat Russland in den Krieg eingegriffen; offiziell, um Staatsbürger mit russischem Pass zu beschützen. Klar ist, dass Georgien die Mitgliedschaft in der NATO anstrebt, was von den USA und nun auch von Deutschland befürwortet wird, Russland aber ein Dorn im Auge ist. Im Hinblick darauf sind die Gerüchte darüber, Russland hätte lange vor den Angriffen einen Einmarsch in Georgien geplant, nicht abwegig.

- Spendenkonto der Caritas: PSK 7.700.004, BLZ 60.000, Kennwort: Georgien





Jeder hat Angst

„Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Muss ich Angst haben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer meiner Freunde, meiner Bekannten oder, noch schlimmer, jemand aus meiner Familie stirbt”, erzählt die Georgierin Maia Benashvili. Derzeit studiert sie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Sie erinnert sich schmerzlich an die neunziger Jahre, als Abchasien versuchte unabhängig zu werden, denn ein Verwandter von ihr, ein Journalist, kam dabei ums Leben. „Meiner Familie ist Gott sei Dank noch nichts passiert“, ist Benashvili erleichtert, doch ihre Eltern berichteten ihr, dass es zuhause keinen normalen Alltag gibt, denn jeder hat Angst. „Meine Schwester wurde nach zwei Jahren nun endlich an der Universität Tiflis als Studentin zugelassen. Sie kann sich im Moment nicht einmal darüber freuen“, erzählt die 23-Jährige. „Viele Georgier haben Vorurteile gegenüber Osseten“, erklärt Benashvili, „dass sie jetzt von Russland unterstützt werden macht es nicht besser, denn die Geschichte Georgiens ist eine Geschichte des Krieges mit Russland.“ Die zu Beginn der Unruhen als Militärkrankenschwestern einberufenen Freundinnen Benashvilis durften wieder nach Hause. Die angehende Theologin zeigt sich zuversichtlich: „Ich habe die Hoffnung, dass bald wieder Ruhe und Sicherheit einkehren!“
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