Familiengeheimnisse sind spürbar, gerade weil sie Geheimnisse sind. Sie machen unruhig
Ausgabe: 2008/38, Familiengeheimnisse, Geheimnisse, Eltern, Kind, Herkunft, Karin Remsing
17.09.2008
- Karin Remsing
Aus der Praxis: Nun weiß es Johannes: Sein Papa ist nicht sein leiblicher Vater,sondern sein Ziehvater. Johannes ist jetzt 36 Jahre alt und die lange Zeit des Schweigens um seine Herkunft ist vorbei. Er „ahnte“ schon als Kind etwas, aber sein Bewusstsein hat von diesem Geheimnis nichts wissen wollen. Er hat sogar oft geglaubt, seine Geschwister, die nach ihm geboren wurden, gehörten nicht zur Familie. Dass er nun weiß, dass sein „Papa“ nicht sein leiblicher Vater ist, ist für ihn einerseits erleichternd. Seine Gefühle schlagen aber Purzelbaum, seit das Geheimnis gelüftet ist: Was war vor seiner Geburt geschehen? Wer ist sein leiblicher Vater? Warum hat er die Frau verlassen, die ein Kind von ihm erwartete? Warum haben ihm seine Mutter und sein Papa (Ziehvater) nie etwas davon gesagt? Wem sieht er ähnlich? „Mir tut der Papa richtig leid, weil ich fast mein ganzes Leben lang so ungerecht und böse auf ihn war“, sagt Johannes. „Oft habe ich als Kind zu meiner Mutter gesagt, dass es besser wäre, Papa würde weggehen. Ich habe selbst nicht gewusst, warum ich ihn so ablehnte. Ich konnte ja nicht wissen, wie viel Gutes er all die Jahre für mich und meine Mutter getan hat.“
Manchmal glauben Eltern, dass es für ein außereheliches Kind besser wäre, wenn es nichts von seiner Herkunft wüsste.
Die Mutter von Johannes wollte ihn schützen und ihm ein ruhiges Aufwachsen in einer „richtigen“ Familie ermöglichen. Darum hat sie geschwiegen, vielleicht auch aus Scham über ihren „Fehltritt“: „Was würden Verwandtschaft, meine Kinder und Enkel über mich denken, wenn sie davon wüssten?“
Belastung. Dieses Geheimnis so lange Zeit mit sich herumzutragen, hat die Mutter von Johannes und den Ziehvater sicher viel Kraft gekostet. Es fällt auch von ihnen eine große Last ab, nun offen über die Herkunft von Johannes sprechen zu können. Es braucht Mut, nach 36 Jahren darüber zu reden.
Neue Welt. Für Johannes tut sich nun eine neue Welt auf. Er kann seine Gefühle, wie seine Ablehnung dem Papa gegenüber, anders einordnen. Es ist, als hätte sich sein Unterbewusstsein dagegen gewehrt, ihn als Vater anzuerkennen.
Angenommen sein. Nun sieht er an seinem Ziehvater auch die guten Seiten: Papa hat ihn als „Sohn“ angenommen und ihn nicht spüren lassen, dass er nicht sein Kind ist.
Der Wunsch nach Suche. Johannes möchte aber seinen leiblichen Vater kennenlernen. Seine Mutter hat ihn gebeten, sich nicht auf die Suche nach ihm zu machen, weil es nur Unruhe erzeugen würde. Das Gefühl von Johannes sagt aber: „Mach dich auf den Weg und suche ihn!“ Diesem inneren Wunsch möchte er folgen, egal ob es Unruhe gibt oder nicht. Er möchte seinen Vater kennenlernen, erleben, wie er ist, sehen, ob er im äußerlich und vielleicht sogar in seiner inneren Haltung ähnlich ist, ihm viele Fragen stellen und Antworten auf sein Leben bekommen. Zu wünschen ist ihm, dass ihn sein leiblicher Vater wohlwollend aufnehmen kann.