Die Grenzen zwischen gesund und krank sind fließend: Vor einer Ansprache sind auch erfahrene Redner/innen aufgeregt. Wer aber ständig Situationen aus dem Weg geht, in denen er sich blamieren könnte, leidet unter seiner Angst.
So sehr mit dem Löffel zittern, dass man bei der Familienfeier die Suppe verschüttet; etwas Falsches sagen, wenn einen bei der Weihnachtsfeier jemand anspricht – was für dieeinen „nichts“ ist, bedeutet für andere die größtmögliche peinliche Situation. Wer unter einer sozialen Angststörung leidet, versucht, diese Situationen zu vermeiden und zieht sich immer mehr zurück.
Extreme Unsicherheit. Nach Depressionen und Suchterkrankungen sind Soziale Angststörungen in unserer Gesellschaft die dritthäufigste psychische Erkrankung. pro mente Oberösterreich hat seinen jährlichen „Psychiatrischen Samstag“, heuer am 8. November, diesem Thema gewidmet. Betroffene haben außerdem das zehnfache Risiko, an Depressionen zu erkranken und erhöht ist auch das Risiko einer Suchterkrankung. Denn viele „behandeln“ sich selbst – mit Alkohol zum Beispiel, um ihre extreme Unsicherheit zu vertuschen. So sind stark alkoholisierte jugendliche Randalierer oftmals Burschen, die sich nüchtern niemanden anzusprechen trauen.
Lange Wartezeiten. Bis jemand wegen einer sozialen Angststörung zum Arzt kommt, vergehen oft lange leidvolle Jahre. Die Betroffenen wissen, dass ihre Ängste unbegründet sind. Gerade deshalb ist es so schwierig, mit jemandem darüber zu sprechen. Schon im Wartezimmer könnten alle anderen sehen, dass etwas nicht stimmt – „womöglich werde ich rot oder beginne zu schwitzen ...“ Und erst diese körperlichen Symptome sind dann der Auslöser für den Arztbesuch.
Alle Schichten. Alter, Bildung, Beruf oder Geschlecht spielen bei Sozialphobien keine Rolle. Sozialphobiker sehen nicht nur sich selbst überkritisch, sie überlegen auch, wie andere sie sehen könnten. Sie bleiben oft hinter den Berufsmöglichkeiten zurück, die sie eigentlich hätten. Schon in der Schule trauen sie sich nicht aufzuzeigen, weil sie nicht vor der Klasse sprechen möchten. Schreiben an der Tafel ist für sie eine Qual. Betroffene gelten oft auch als arrogant, weil sie wegschauen, statt zu grüßen.
Der Angst stellen. Die Behandlung ist langwierig. Betroffene müssen Verhaltensmuster ändern, und sich angsterfüllten Situationen stellen. Angststörungen werden zusätzlichmedikamentös behandelt, um fehlende Botenstoffe im Gehirn auszugleichen. Es ist auch Selbsthilfe möglich: sich angsterfüllten Situationen zu stellen (bei einer Diskussionsveranstaltung zu Wort melden; eine Nachbarin auf einen Kaffee einladen und nicht warten, bis sie wieder einmal auf diese Idee kommt; ein falsch gekauftes Kleidungsstück zurückgeben;…). Und stolz auf die Erfolge sein!
Schreiben Sie uns!
Haben Sie für sich eine Möglichkeit gefunden, Schüchternheit abzubauen? Möchten Sie anderen Leserinnen und Lesern Anregungen geben? Bitte schreiben Sie Ihre Erfahrungen und Gedanken an die KirchenZeitung der Diözese Linz, „Bewusst Leben“, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz oder per E-Mail: judith.moser@kirchenzeitung.at