Kirche gefragt - Interview mit Missionar Franz Weber
Ausgabe: 2008/47, Kirche, Gemeinden, Franz Weber, Innsbruck, Pastoraltheologe, Missionswissenschaften, Kirche gefragt, Basisgemeinde, Indien, Pastoraltagung, Fachtagung Weltkirche, St. Gabriel, Eucharistie, Weltkirche,
19.11.2008
- Interview: Hans Baumgartner
Acht Jahre hat der Innsbrucker Pastoraltheologe und Comboni-Missionar Franz Weber in Brasilien gearbeitet. Er hat erlebt, wie in den Riesenpfarreien, die von wenigen Priestern „versorgt“ werden, das kirchliche Leben fast zum Erliegen kommt. Und er hat den Aufbruch in den Basisgemeinden selbst mitgestaltet. Weber ist überzeugt: Pastorale Großräume können tödlich sein, wenn es nicht gelingt, für überschaubare christliche Gemeinschaften und neue Dienstämter Raum zu schaffen. Darüber diskutiert dieses Wochenende die Fachtagung „Weltkirche“ der missionierenden Orden Österreichs.
Eine Ihrer Thesen lautet: Die Kirche überlebt nur in den Gemeinden oder sie überlebt nicht. Geht es heute schon ums Überleben? Weber: Die Kirche, das ist nicht der Apparat, die Kirche ist das Volk Gottes aller Getauften. Und das lebt nun mal in Gemeinden. Und da sehe ich neben vielem Engagement auch deutliche Sterbeprozesse – nämlich dort, wo es nicht gelingt, eine neue Erfahrung von Kirche als Gemeinschaft, als menschliche und geistliche Heimat zu vermitteln.
Das Fehlen der Jugend in der Kirche, hat das damit zu tun? Weber: Ich würde sagen, das hat nicht nur, aber auch damit zu tun. Denn die Erfahrung zeigt, dass Jugendliche durchaus zu haben sind, wo sie Kirche als Weggemeinschaft erleben; wo sie, oft auch nur für eine begrenzte Zeit, Gemeinschaften finden, die nicht nur unverbindlich und oberflächlich zusammen sind, sondern ein Stück weit ihr Leben und ihren Glauben miteinander teilen. Das gilt aber nicht nur für Jugendliche sondern immer stärker auch für die mittlere und ältere Generation. Wo Kirche nur mehr als „Ritual- und Sakramentenverwalter“ oder als „Institution“ erfahren wird und nicht als Gemeinschaft, da ziehen sie sich mehr und mehr zurück.
Was macht denn Gemeinde, oder sagen wir, erlebte Glaubensgemeinschaft, so wichtig? Weber: Wenn wir auf Christus und seine Jüngerinnen und Jünger schauen, wenn wir auf die frühe Kirche schauen, dann ist klar, christlicher Glaube entsteht, wächst und reift nur in Gemeinden, in konkret gelebten Gemeinschaften. Christlicher Glaube ist keine Ideologie und kein Wertekonzept, die man von oben herab dozieren oder über geschickte Medienkampagnen vermitteln könnte. Er kann nur über Zeugenschaft und Gefährtenschaft auf gleicher Augenhöhe weitergegeben und im liebenden, durchaus nicht immer konfliktlosen, Miteinander verwirklicht werden. Gerade in unserer Zeit der postmodernen Beliebigkeit und radikalen Individualisierung sind christliche Gemeinden, die den Einzelnen in seinem Leben und in seiner Suche nach Sinn nicht alleine lassen, von zentraler Bedeutung. Ohne sie bleibt der Glaube leblos, ja, verloren.
Sie sagen, dass wir, was die Gemeinden angeht, vom „frischen Wind aus dem Süden“ lernen sollten. Was meinen Sie damit? Weber: Zunächst einmal: Die sogenannten „jungen Kirchen“ in Lateinamerika, Afrika oder Asien sind nicht überall jung. Es gibt auch dort viele traditionelle Gemeinden. Dabei zeigt sich aber immer mehr, dass dort, wo Kirche für die Menschen nicht als konkrete Lebens- und Glaubensgemeinschaft erfahrbar ist, eine starke Abwanderung zu den verschiedenen „Pfingstkirchen“ stattfindet. Auf der anderen Seite aber erleben wir frische und sehr vitale Triebe an der Kirche überall dort, wo versucht wird, die Volk-Gottes-Theologie und die Communio (Gemeinschafts)-Theologie in die pastorale Praxis umzusetzen. Begonnen hat das in Lateinamerika, wo die Bischofskonferenz von Medellin 1968 beschlossen hat, die riesigen Pfarreien auf dem Land und in den Städten in kleine, überschaubare Seelsorgeeinheiten aufzugliedern. Ich bin überzeugt, ohne diese Basisgemeinden hätte die Kirche in Lateinamerika viel von ihrer Lebenskraft und ihrem Zeugnis für die Menschen, besonders die Armen und Unterdrückten, verloren. Ähnliche Entwicklungen hat es dann auch – mit etwas anderen Akzenten – in Süd- und Ostafrika mit den „kleinen christlichen Gemeinschaften“ und in Asien gegeben.
Was heißt das nun für die Kirche bei uns? Weber: Man kann diese Wege bei uns nicht eins zu eins übertragen. Aber ich sehe – gerade in unserer heutigen Situation – darin eine große Anfrage. Wie kann und soll Kirche in pastoralen Großräumen überleben? Wenn unsere Strukturprozesse mit der Schaffung von Seelsorgeräumen, Pfarrverbänden oder Zentralpfarren nicht gezielt dafür sorgen, dass es erfahrbare und überschaubare christliche Gemeinschaften gibt, dann sind diese Entwicklungen für die Kirche lebensgefährlich.
Aber ist ihre Warnung nicht etwas übertrieben? Es heißt doch immer, dass keine Pfarre aufgelöst werden soll. Weber: Die Aufrechterhaltung der Pfarren als rechtliche Einheit allein rettet der Kirche noch nicht das Leben. Wir müssen innerhalb der Seelsorgeräume zu einer neuen Pastoral finden. Damit meine ich, dass wir Raum schaffen müssen für neue Formen von überschaubaren Gemeinschaften, in denen die Menschen ihr Leben und ihren Glauben zur Sprache bringen – ob das nun Taizé-Gebetskreise sind, Familienrunden, Bibelgruppen, junge Gemeinden und vieles mehr. Diese vielfältigen kleinen Gemeinden sind dann so etwas wie die Lebensadern der Pfarre und des Seelsorgeraums. Dazu bedarf es auch eines neuen Verständnisses von Seelsorge. Der Pfarrer bzw. die hauptamtlichen Seelsorger/innen sind dann nicht mehr die einzigen Träger der Seelsorge. Sie müssen Schwerpunkte setzen, vor allem in der geistlich-menschlichen Begleitung der eigenverantwortlichen Mitarbeiter/innen in den kleinen Gemeinschaften.
Was bedeutet das für das Leitungsamt, das ja heute, zumindest rechtlich, weitgehend den Priestern vorbehalten ist? Weber: Eines ist sicher: Kirche vor Ort braucht Leitung. Aber da gibt es sehr viele Ängste in der Kirche, neue Wege zu gehen. Auch da könnten wir von den Kirchen des Südens einiges lernen. Dort, wo Priester und Ordensleute das gefördert und durch entsprechende Ausbildung und Begleitung der Mitarbeiter/innen unterstützt haben, sind eigene, neue Formen von Leitung entwickelt worden. Und kluge Bischöfe haben auch dafür gesorgt, dass die aus ihren Gemeinden in Leitungsaufgaben hineingewachsenen Frauen und Männer (vorwiegend Frauen) in ihren neuen Dienstämtern offiziell bestätigt werden. Auch wenn der Priester, was theologisch richtig ist, eine gewisse Gesamtverantwortung für die Pastoral und Sakramentenspendung hat, so gibt es in diesen Großpfarren doch eine offizielle subsidiäre Leitungsstruktur. Dort, wo das nicht gemacht wurde, funktioniert auch das System der kleinen Gemeinschaften und Basisgemeinden nicht wirklich.
Dann bleibt aber immer noch die Frage, was ist mit der Eucharistie in diesen Gemeinden? Weber: Das ist zweifellos ein schwer wiegendes Problem, das einer weltkirchlichen Lösung bedarf. Denn dass lebendige Christengemeinden eucharistielos leben müssen, ist dogmatisch und gemeindetheologisch ein unhaltbarer Zustand. Die Eucharistie gehört nach katholischem Verständnis seit den Anfängen der Kirche zum Wesenskern dessen, was christliche Gemeinden ausmacht. Und es ist schon paradox, dass wir, während andere christliche Kirchen das Abendmahl neu für sich entdecken, die Eucharistie, aber auch andere Sakramente wie die Krankensalbung oder die Beichte, immer mehr ausdünnen. Das lässt sich nur durch neue Ämter in der Kirche ändern. Einzelne Bischofskonferenzen haben darauf auch wiederholt hingewiesen.
Stichwort
Fachtagung Weltkirche. Am 21. und 22. November findet in St. Gabriel (Mödling) die Fachtagung „Weltkirche“ statt. Unter dem Titel „Macht Gemeinde. Wie Kirche vor Ort überleben kann“ geht sie dabei der Frage nach, was wir von den Aufbrüchen der Kirchen des Südens bei der Gestaltung der Pastoral der Zukunft (Seelsorgeräume etc.) lernen können. Franz Weber hält dabei das Einstiegsreferat. Konkrete Erfahrungen aus den jungen Kirchen ergänzen den Befund. Willi Vieböck, Linz, und Gudrun Guerrini, Innsbruck, berichten von den pastoralen Zukunftsplänen in Österreich. - www.fachtagung-weltkirche.at
Pastoraltagung. Auch die Österreichische Pastoraltagung von 8. bis 10. Jänner setzt sich mit einem heißen Zukunftsthema auseinander: „Ämter und Dienste – Entdeckungen, Spannungen, Veränderungen.“ Es referieren u. a. Ottmar Fuchs, Roman Siebenrock, Clemens Sedmak, Monika Nickel und Thomas Söding.
- Infos: www.pastoral.at Univ.-Prof. Dr. Franz Weber lehrt in Innsbruck Pastoraltheologie und Missionswissenschaften. In dem Buch „Gemeindetheologie interkulturell“ (Grünewald 2007) hat er seine langjährige Forschungsarbeit über die pastoralen Aufbrüche der Kirchen des Südens zusammengetragen. Es ist nicht nur interessant, sondern auch lehrreich für Veränderungen in den Kirchen Europas.