Am vergangenen Freitag feierte die Katholische Sozialakademie Österreichs (KSÖ) ihr 50-jähriges Bestehen. Es ist die Geschichte eines großen Anliegens – die soziale Dimension des Evangeliums in die Gesellschaft einzubringen. Und es ist eine bewegte, spannende und spannungsreiche Geschichte.
P. Alois Riedlsperger ist überzeugt, dass die Kirche eine Einrichtung wie die Katholische Sozialakademie braucht. Die KSÖ sei so etwas wie ein anhaltender Weckruf, „der auf die soziale Dimension des Evangeliums aufmerk-sam macht und dafür Bewusstsein schafft, dass die Botschaft Jesu nicht nur der Einzelperson für sich und ihrer Innerlichkeit gilt. Sie ist auch ein Auftrag, für eine menschen- und schöpfungsgerechte Welt einzutreten.“ Er habe daher seine Arbeit in der KSÖ (seit 1976) immer auch als wesentlichen Teil seines Wirkens als Priester und Jesuit gesehen, meint Riedlsperger. „Ich weiß mich mit dieser Arbeit nicht auf einem Nebengleis, sondern ganz auf der Linie des Evangeliums und unseres Ordensschwerpunktes, für ,Glaube und Gerechtigkeit‘ einzutreten.“
Anfänge. Gegründet wurde die KSÖ 1958 von der Bischofskonferenz, um Laien auszubilden, die „die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche wahrnehmen“, erinnert Riedlsperger. Dafür wurde der – später „legendäre“ – Dreimonatskurs eingerichtet. Damit sollten die Teilnehmer befähigt werden, im Geist der Katholischen Soziallehre in Politik und Wirtschaft tätig zu werden. Das Klassenziel war die Betriebsrats- oder Gemeinderatsreife. In ihren Publikationen legte die KSÖ den Schwerpunkt auf die Verbreitung der Katholischen Soziallehre (P. Schasching u. a.). Mitte der 60er Jahre beginnt KSÖ-Leiter P. Walter Riener den Dialog mit den politischen Parteien, auch mit der Sozialdemokratie.
Umbrüche. Mitten in den gesellschaftlichen Auf- und Umbrüchen nach 1968 übernahm P. Herwig Büchele (1972) die Leitung der KSÖ. Der erste Ölschock führte zu einer breiten Ökologie- und Lebensstildebatte. Mit der Schriftenreihe „Soziale Brennpunkte“ stellte sich die KSÖ den kontroversen Themen der Zeit (Umwelt, Friede, Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und Wirtschaft) und versuchte aus christlicher Sicht Alternativen aufzuzeigen. An den damit verbundenen Studientagen kam es zu ebenso spannenden wie spannungsreichen Debatten. Büchele bekam die Punze vom „roten Pater“ umgehängt und war damit in würdiger Gesellschaft mit dem „roten Kardinal“. Mitte der 70er Jahre begann die KSÖ mit ihrer bis heute gefragten Projektarbeit in den Betrieben. Das Buch „Grundeinkommen ohne Arbeit“ (1985) war ein provokanter Einstieg in die heute wieder besonders aktuelle Sozialstaat-Debatte. „Beteiligung schafft Verbindlichkeit“ – unter diesem Motto organisierte die KSÖ die breiten Diskussionsprozesse zum Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe (1990) und zum Ökumenischen Sozialwort der Kirchen (2003).
Zur Sache
KSÖ: Stationen im Zeitraffer
Die KSÖ wurde 1958 von der Bischofskonferenz gegründet. Es ging auch darum, das Mariazeller Maifest von der „freien Kirche im freien Staat“ gesellschaftspolitisch umzusetzen. Der Jesuit P. Walter Riemer war der erste Leiter. 1972 übernahm der spätere Sozialethiker an der Universität Innsbruck, P. Herwig Büchele, die Leitung der KSÖ. Der Dreimonatskurs wurde auf beteiligungsorientiertes Lernen umgestellt. Die KSÖ mischt kräftig im gesellschaftskritischen Diskurs der Zeit mit. Spannungsreiche Parteiengespräche über Ethik und Politik. Von 1983 bis 2005 leitete P. Alois Riedlsperger die KSÖ. Arbeitslosigkeit, Zweidrittelgesellschaft, Armut und Sozialstaat wurden zentrale Themen. Dazu kam ein Schub in der Bildungsarbeit (Ausstellungen, Seminare etc.). Der Grundkurs und der Frauenkurs wurden auf ein zweijähriges Akademiesystem umgestellt. Koordination der Sozialwortprozesse und intensive Vernetzungsarbeit (Sonntag, Armut, Grundeinkommen). Mit Markus Schlagnitweit als KSÖ-Leiter kam der Schwerpunkt Geld und Ethik dazu.«
Mit dem Kompass des Evangeliums
Der Linzer Alt-Bischof Maximilian Aichern hat bereits in seiner Jugend den Vorläufer der Katholischen Sozialakademie, die Sozialschule des Kalasantiner-Ordens in Wien, schätzen gelernt. Als zuständiger bischöflicher Referent war er mit der KSÖ über 20 Jahre nicht nur „amtlich“ verbunden, sondern auch menschlich eng verbunden.
„Die KSÖ war für mich als Bischof, aber auch für die Kirche in Österreich und für die Ökumene eine wichtige Vordenkerin in den Fragen menschen- und umweltgerechtes Wirtschaften, Gestaltung des Sozialstaates, solidarisches Zusammenleben oder – ganz aktuell – gerechte Geldpolitik“, meint Aichern. Besonders schätze er an der KSÖ, dass sie sich stets auch für die Verbreitung der Katholischen Soziallehre und für deren konkrete Umsetzung engagiert hat. Er verweist dabei auf die Ausbildungslehrgänge der KSÖ, die zahlreichen Seminare für Manager, Betriebsräte oder Ordensgemeinschaften, an die vielen Diskussionen mit Gewerkschaftern, Politikern und Unternehmern sowie an die erfolgreichen Kooperationen mit gesellschaftlichen und kirchlichen Gruppen – etwa in der Allianz für den Sonntag, im Netzwerk Grundeinkommen oder in der Armutskonferenz. Dass es dabei auch manche Konflikte gab, ist für Aichern nicht verwunderlich. „Wer sich am Beispiel Jesu und dessen Umgang mit den Armen und Bedrängten orientiert, erregt auch Anstoß.“
Dankbar ist Aichern für das große Engagement der KSÖ bei der breiten Erarbeitung des Sozialhirtenbriefes (1990) und des Ökumenischen Sozialwortes (2003). Er wünscht sich weiter eine KSÖ, die mit dem Kompass der Soziallehre und des Evangeliums an den Fragen der Zeit dranbleibt, aber auch eine größere Aufmerksamkeit der Kirchenleitung für soziale und ökologische Themen.