Maria Regina Strugholtz ist Seelsorgerin für Menschen in der Schubhaft
Ausgabe: 2008/49, dunkle Stunden, Maria Regina Strugholtz, gewaltfreie Kommunikation, Lampedusa, unteilbare Rechte, Seelsorge, Schubhaft, Flüchtlinge, Diskriminierung
03.12.2008
- Hans Baumgartner
Viele können oft nächtelang nicht schlafen, werden von Kopf-, Herz- und Magenschmerzen zermürbt, können nichts mehr essen. Seit zweieinhalb Jahren besucht Maria Regina Strugholtz als Seelsorgerin Flüchtlinge in der Schubhaft.
„Meine Hauptaufgabe ist das Zuhören“, sagtMaria Regina Strugholtz. „In der Schubhaft sind viele Menschen sehr, sehr allein. Sie haben oft keinen Menschen ihres Vertrauens, sie wissen nicht, was da mit ihnen geschieht. Manche jener Häftlinge, die nicht im halboffenen Bereich untergebracht sind, sitzen den ganzen Tag allein in ihrer Zelle oder können auf Grund ihrer Muttersprache mit niemandem sprechen“, erzählt Strugholtz. Oft erfahre sie als Seelsorgerin eine ähnliche Hilflosigkeit wie die Flüchtlinge. „Es ist furchtbar, wenn man sich in so einer schwierigen Lage nicht verständigen kann. Ich er-lebe dann aber auch die große Dankbarkeit für jedes Stückchen Antwort, das ich ihnen mit allen möglichen Zeichen zu geben versuche.“Am Herzen. Seit zweieinhalb Jahren geht Maria R. Strugholtz wöchentlich einmal zu den Schubhäftlingen im Innsbrucker Polizeianhaltezentrum. „Ich habe mir diesen Einsatz selber ausgesucht, nachdem ich gesehen hatte, dass das ein blinder Fleck in unserer pastoralen Arbeit war“, sagt die Fachreferentin für spirituelle Begleitung der Diözese Innsbruck. „Ich mache diese Aufgabe auch gerne, weil mir die Menschen am Herzen liegen und weil ich erlebe, wie ich als Seelsorgerin gebraucht werde“, betont Strugholtz. Es wäre ihr aber lieber, diese Arbeit würde sich erübrigen, „weil man bessere Lösungen findet, als Asylwerber in Polizeianhaltezentren zu sperren.“ Außerdem sei das System „Schubhaft“ wohl auch für die dort eingesetzten Beamten eine schwierige Herausforderung.
Zugeschnürt. Bei ihren Einzelgesprächen mit den Schubhäftlingen wird Strugholtz sehr oft mit zwei verzweifelten Fragen konfrontiert: Warum bin ich im „Gefängnis“? Und wann komme ich wieder frei? Die Situation belaste viele Häftlinge sehr. „Bei meinem letzten Besuch haben mir fast alle erzählt, dass sie nächtelang nicht schlafen. Sie bekommen zwar Psychopharmaka, aber die vertreiben ihre traumatischen Erinnerungen ebenso wenig wie ihre Angst vor dem Ungewissen. Manche bekommen dann rasende Kopfschmerzen, Herzbeschwerden oder können einfach nichts mehr essen, weil es ihnen den Magen zuschnürt. Ich erlebe aber auch, wie in dieser schwierigen Lage vielen ihr Glaube Kraft gibt. Ein Beamter sagte mir einmal, so viel wie hier gebetet wird, habe er noch nicht erlebt.“
Auf der Straße. Manche Erlebnisse und Schicksale gehen ihr sehr nahe, meint Strugholtz. Kontemplation sei für sie dann eine wichtige Kraftquelle. Manchmal aber sei auchZeit für Tränen. Erst vor ein paar Tagen erginges ihr wieder so, als sie am Bahnhof zwei Afrikaner verabschiedete. Es waren Bootsflüchtlinge, die in Lampedusa gestrandet sind. Die Hälfte der Mit-Flüchtlinge war bereits ertrunken. In Italien mussten sie nach fünf Tagen das Land verlassen. In Österreich wurden sie, nachdem sie sich bei der Polizei als Flüchtlinge gemeldet hatten, sofort in Schubhaft genommen. Nach etwa zwei Wochen wurden sie wegen Haftunfähigkeit entlassen. Es war mitten im Winter. Sie standen auf der Straße, in Sommerkleidung. Sie hatten nur das, was sie am Leibe trugen.“ Weil das zufällig an ihrem Besuchstag geschah, erfuhr Strugholtz davon und brachte die beiden zur Caritas. „Es ist ein Skandal, wenn immer wieder Menschen aus der Schubhaft einfach auf die Straße entlassen werden“, ist Strugholtz entsetzt. „Was sollen die denn tun, damit sie nicht verhungern? Sie können nicht anders, als straffällig werden – nur um zu überleben.“
Zur Sache
Unteilbare Rechte
Seelsorgerin zu sein, bedeutet für Maria Regina Strugholtz, für den ganzen Menschen dazusein. Deshalb empört es sie auch, „wenn Asylwerbern grundlegende Menschenrechte vorenthalten werden. Das Recht auf Leben, auf Freiheit und Sicherheit ist unteilbar. Darauf hat jeder und jede Anspruch“, betont Strugholtz. Das Recht auf Leben würden sich die Flüchtlinge selber nehmen, indem sie von zu Hause weggehen, wo sie entweder direkt bedroht werden oder aber keine Chancen auf Einkommen und Lebensmöglichkeiten sehen. „Diese Menschen flüchten ja nicht aus Abenteuerlust. Dafür geht niemand das Risiko einer lebensgefährlichen Bootsüberfahrt ein. Sie möchten leben und sie möchten in Freiheit leben. Das ist ihr Recht. Und deshalb sind diese Menschen, auch wenn man für die Zuwanderung bestimmte Grenzen absteckt, menschenwürdig zu behan-deln“, meint Strugholtz. Wie ernst wir tatsächlich das Menschenrecht auf Leben nehmen, könne man auf der Homepage des Flüchtlingsdienstes der Jesuiten nachlesen: Es gibt ein kalkuliertes Sterben an den EU-Außengrenzen, heißt es da; eine Abwehrpolitik der EU, die einem Krieg zur Verteidigung unseres Reichtums gleichkommt.
Wirklich erregen kann sich Strugholtz über die öffentliche Punzierung und Denunzierung von Flüchtlingen. „Wenn von ihnen geredet wird, dann oft im Kontext von straffälligen Asylwerbern, von nigerianischen Drogendealern oder der kriminellen Marokkanerszene. Das verstößt klar gegen jene Menschenrechte, die Diskriminierung und Aufhetzung zur Diskriminierung verbieten.“ Schlecht stehe es in Österreich auch mit dem Anspruch auf den gleichen Schutz vor dem Gesetz. Dass man nun auch noch die unabhängige Rechtsberatung für Flüchtlinge (Caritas u. a.) einstellt, sei ein echter Rückschritt.