Aus der Praxis: Elisabeth hat vor einigen Jahren Michael, einen Bauern, geheiratet und ist zu ihm auf den Hof gezogen, auf dem sie durch bauliche Veränderungen ihren eigenen Wohnbereich schafften. Beruflich konnte und wollte sie sich weiterhin als Kindergartenpädagogin verwirklichen. Ihre Arbeitskraft am Hof war ja auch nicht wirklich erforderlich, da die Schwiegereltern, im Besonderen Michaels Mutter, wie gewohnt einen Teil der Stallarbeit verrichteten. Nach der Geburt ihres Sohnes Georg änderten sich Elisabeths Rollen und damit auch ihre Empfindungen. Nicht nur das Kind entwickelte sich, sondern auch die Eltern erlebten einen Reifungsprozess und freuen sich über den derzeitigen Entwicklungsstand. Elisabeth fasst es so zusammen: „Wie ich nach dem Heiraten zu Michael gezogen bin, wohnte ich auf dem Bauernhof. Mit unserem Kind erlebte ich mich als Hausfrau und Mutter am Hof. Neuerdings aber fühle ich mich als Bäuerin, weil ich auch in den Stall gehe.“
Was ist geschehen? Michael und Elisabeth können alles gut miteinander bereden. Sie haben die Veränderung sorgfältig vorbereitet.
Als Schwierigkeit erlebten sie einige Zeit, dass Michaels Mutter der Schwiegertochter nicht viel zutraute. Sie meinte es zwar gut und erledigte zum Beispiel Arbeiten in Elisabeths Garten, bevor diese dazugehen konnte. Ähnlich war es auch bei der Stallarbeit. Da ließ Michaels Mutter Elisabeth nicht so recht zugreifen oder kritisierte, wenn Elisabeth etwas anders machte, als sie es schon so viele Jahre zu tun gewohnt war. Das kränkte Elisabeth.
Entlastung. Michael hat seiner Mutter sehr klar und freundlich gesagt, dass er das nicht will, und ihr mitgeteilt, was er mit seiner Frau vereinbart hat. Die Regelung bewährt sich: Morgens geht Michaels Mutter mit ihm zur Stallarbeit und abends Elisabeth. Das entlastet beide Frauen. Elisabeth kann in der Früh ganz bei Georg sein und auf seine Bedürfnisse eingehen. Abends läuft dieser gerne mit in den Stall und hält sich bei Mutter und Vater auf. Michael empfindet es schön, als Familie zu sein. Er sagt: „Es ist ein gutes Gefühl, Elisabeth und den Buben an meiner Seite zu erleben.“
Neues Selbstbewusstsein. Für Elisabeth, die den Melkstand betreut, kommen noch zwei Aspekte hinzu: „Das Milchgeld“, sagt sie, „ist unser Geld und außerdem fühle ich mich der Schwiegermutter gegenüber gleichwertig. Seitdem ich in den Stall gehe, fühle ich mich als Bäuerin. Das ist ein neues Selbstbewusstsein für mich. Das habe ich auch kürzlich bei der Adventfeier der Ortsbauernschaft besonders gespürt.“
Sensibles Herangehen. Ich konnte Elisabeth und Michael, die von Zeit zu Zeit zum „Beziehungsservice“ in die Beratung kommen, nur gratulieren zu diesen Veränderungen, die sie durch sensibles Herausfinden und klares Benennen ihrer Bedürfnisse ermöglicht haben.