Taubblinder Diakon Peter Hepp aus der Di?zese Rottenburg-Stuttgart unterrichtet Religion an der Schule f?r visuelle und alternative Kommunikation der Barmherzigen Br?der in Linz, die Primar Dr. Johannes Fellinger leitet, Volksgartenstra?e 15/3. Peter
Da steht ein Mann in der Klasse, unterrichtet Religion, obwohl er nicht sehen und nicht hören kann. Seine Schülerinnen sehen, aber gehörlos oder hörbehindert sind auch sie. Der Mann gebärdet, was er zu sagen hat. Dann wartet er, bis ihm eine Dolmetscherin die Beiträge der Schülerinnen „in die Hand drückt“ – lormen heißt die Kommunikation für Taubblinde mit anderen Menschen.
Der Beamer vergrößert die Bilder, die der Religionslehrer Peter Hepp – er ist Diakon in der Diözese Rottenburg-Stuttgart – auf seinem Computer für den Unterricht vorbereitet hat. Im Klassenraum der „vis.com“, der Schule für visuelle und alternative Kommunikation der Barmherzigen Brüder in Linz, ist es still. Kein Flüstern, kein Tratschen, kein Schwätzen. Die sieben Schülerinnen verfolgen den lautlosen Vortrag. Peter Hepp gebärdet. Er kann nicht hören und nicht sehen. Ihm ist Hören und Sehen vergangen, wie es in einem Film über ihn heißt. Und dennoch: Hepp versteht es, die gehörlosen oder hörbehinderten Schülerinnen zum religiösen Gespräch anzuregen.
Am 18. Juni 2009 bereiten die Schülerinnen mit Hepp in der letzten Religionsstunde den Gottesdienst der Abschlussfeier nach dreijährigem Diplom-Lehrgang vor. Hepp zeigt Bilder von Sieger Köder. Die Schülerinnen haben das Thema selbst gewählt: Der Sturm auf dem See (Mk 4,35–41). Denn die Zeit der Ausbildung zu diplomierten Pädagoginnen für visuelle und alternative Kommunikation war manchmal auch stürmisch.
In die Hand drücken. Die Klasse diskutiert angeregt, niemand führt ein Nebengespräch. Wenn niemand hört, ist die Gestik wichtig, um auf sich aufmerksam zu machen. Hepp allerdings kann auch die Gestik nicht wahrnehmen. Er braucht die Unterstützung einer Dolmetscherin. Almuth Kolb übersetzt. Sie lormt, drückt oder streicht ihm in die Hand, Buchstabe für Buchstabe. Jeder hat einen anderen Druckpunkt oder eine andere Strichführung.
Geräuschlos, mit Nebel gefüllt. Der Unterricht geht zügig voran. Eine der Schülerinnen gebärdet den Mitschülerinnen die ausgewählte Textstelle aus dem Markusevangelium: „Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann.“ Angst empfinden Menschen unabhängig davon, wie gut sie sehen oder hören. Funktionieren manche Sinne nicht, kommt anderen eine stärkere Bedeutung zu. Hepp schildert, dass er die Umwelt wahrnimmt, als wäre er in einem riesigen Gewächshaus, das von dichtem Nebel erfüllt und geräuschlos ist. „Das Typische am Gewächshaus ist die Intensität.“
Symphonie der Klasse. Die Klasse beteiligt sich mit Eifer an der Diskussion über die Bibelstelle. Ruhig steht Peter Hepp vor der Klasse, wartet darauf, dass ihm die Dolmetscherin lormt, davon berichtet, was und wie die Klasse die Ideen aufgegriffen hat und eigene Gedanken einbringt. Während er wartet, ist er im Gewächshaus, spürt die Atmosphäre, lächelt. Er merkt, schildert er später: In der Klasse ist eine Art „Symphonie“ entstanden, ein wohlgeordnetes Miteinander-Lernen. Fühlt er diese Symphonie nicht, korrigiert er seine Arbeit. Er spürt, wenn er die Klasse schon gut kennt, das Klima in der Gemeinschaft und merkt, wenn etwas nicht stimmt. „Aber ich weiß nicht: Warum?“ Mit Hilfe der Assistentin kann er den Klima-Bedingungen auf den Grund gehen. Auch direkte Kommunikation mit ihm ist möglich – „Also in den Pausen zum Beispiel kann eine Schülerin zu mir kommen und mit mir ein ,Vier-Augen-Gespräch‘ machen.“
Überflutetes Leben. Peter Hepp unterrichtet vor dem Bild „Sturm auf dem See“ von Sieger Köder, das durch den Beamer für alle gut sichtbar vergrößert wird. Es zeigt ängstliche Figuren im Boot. Manchmal ist auch unser Leben überflutet. Ähnlich, könnte man meinen, müsste es Peter Hepp ergehen, der taub geboren wurde und zunehmend an Sehkraft verloren hat, bis er schließlich im Erwachsenenalter auch noch erblindet ist (Usher-Syndrom). Doch Hepp strahlt eine Ruhe und Gelassenheit, ja eine Sicherheit aus. Und er vermittelt Begeisterung. Eine Sicherheit, Gelassenheit und Begeisterung, die sich – nicht sichtbar, aber spürbar – auf die Klasse überträgt.
vis.com-Schule
Peter Hepp wurde 2003 zum Diakon geweiht. Seit 2006 unterrichtet er in der Schule vis.com, der staatlich anerkannten Privatschule der Barmherzigen Brüder Linz, Religion.
vis.com bildet diplomierte Pädagoginnen und Pädagogen für visuelle und alternative Kommunikation aus. Die Ausbildung dauert sechs Semester (drei Jahre). Gehörlose oder hörbehinderte Menschen, die das 17. Lebensjahr vollendet haben, können bei Erfüllung weiterer Voraussetzungen die Schule besuchen: Telefon: 0732/65 14 42, SMS/Videotelefon: 0664/911 10 18.