Aus der Praxis: Maria und Felix kamen in die Beratung, als ihre Tochter knapp zwei Jahre alt war. Maria war diejenige, die„keine Lust“ hatte, und Felix war derjenige der unter ihrer Zurückweisung litt und auf Veränderung drängte.
Ein Paar kann auch als Eltern gut in seiner Beziehung leben, wenn beide Partner die neue Lebensphase annehmen.
Beide meinten mit „keine Lust“, dass Maria seltener als Felix Lust auf Sexualität hatte.Sie waren sich einig, dass seine Bedürfnisse normal und ihre fehlenden Bedürfnisse das Problem seien. Auf meinen Einwand, dass sie kein sexuelles Problem, sondern einen ganz normalen Ehe-Konflikt hätten, der immer dann entsteht, wenn die Bedürfnisse beider Partner nicht zusammenpassen, reagierten sie irritiert. Gefragt, wo im Alltags es noch Schwierigkeiten gäbe, nannten sie einige grundlegende Veränderungen, die sich nach der Geburt des Kindes eingestellt hätten.
Aus dem Gleichgewicht. Auf Maria lastete die Hauptverantwortung der Betreuung und des Haushalts und sie war damit unzufrieden. Felix ärgerte sich, dass Maria von ihm trotz seiner beruflichen Belastung Mithilfe im Haushalt forderte. Maria fühlte sich unwohl, weil Felix den größten Teil des Familieneinkommens verdiente. Es zeigte sich, dass das Gleichgewicht zwischen ihnen, die sich als unabhängige und ebenbürtige Partner ineinander verliebt hatten, gestört war. Sie begannen nun nach Regelungen zu suchen, die ihren jetzigen Bedürfnissen besser gerecht werden konnten.
Erwartungen. Es schien sinnvoll, sich nochmals mit dem Symptom zu beschäftigen. Wie die meisten „lustlosen“ Menschen, die mir bisher begegnet sind, meinte Maria eigentlich: „Ich habe keine Lust auf das, von dem alle denken, dass ich darauf Lust haben sollte.“
Weg vom „Normalen“. Viele Paare erwarten, dass Sexualität nach der Geburt eines Kindes genauso abläuft wie vorher. Das geht völlig an der Realität vorbei. Der Lebensrhythmus, die Aufgaben und die Rollenverteilung haben sich verändert. Mindestens eine/r ist chronisch müde. Es verändern sich auch die körperlichen Bedürfnisse. Beide mussten also lernen auszudrücken, worauf sie wirklich Lust haben, sich vom Gewohnten oder dem „Normalen“ zu lösen und sich zu fragen: Was möchte ich jetzt? Möchte ich berühren, berührt werden oder keines von beiden?
Neue Lebensphase. Sexualität ist mehr als sexuelle Vereinigung. Es gilt, die neue Lebensphase anzunehmen und das sinnliche Potenzial zu erweitern, anstatt in der Melancholie hängen zu bleiben, wie es noch ohne Kind war, als man jung, spontan, unbeschwert, ausgeschlafen, und voll funktionsfähig war. Denn nichts zerstört Erotik und Liebe so nachhaltig wie Druck und falsche Erwartungen!
Ingrid HolzmüllerLeiterin des Ehe- und Familienzentrums Feldkirch
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