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Unter dem Schatten der Angst

Mit dem Überfall auf Polen begann vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg
Ausgabe: 2009/36, Weltkrieg, Krieg, Tragödie, Tote, Leid, Waffen, Einmarsch, Grenze, Liebmann
02.09.2009
- Hans Baumgartner


Am 1. September 1939 überfielen auf Befehl Adolf Hitlers deutsche Truppen Polen. Das war der Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Kriegerfriedhöfe überall in Europa, Gedenkstätten an Konzentrationslager. Das sind die sichtbaren Spuren, die vom Krieg und vom Nationalsozialismus geblieben sind. Verbunden mit dem Krieg waren die Pogrome, die vor allem der jüdischen Bevölkerung galten. Soldaten, Widerstandskämpfer, wache Mahner wie der selige Franz Jägerstätter, viele Zivilisten daheim verloren ihr Leben. Auch wenn nach dem Zweiten Weltkrieg die längste Friedensperiode für Österreich begann – die Schatten der Angst bleiben – und auch die Trauer über die Opfer. Die Kirche hat nach dem Krieg dazugelernt.




Tragödie – auch für die Kirche


„Nichts ist verloren mit dem Frieden. Alles kann mit dem Krieg verloren sein.“ Diesen dramatischen Appell richtete Papst Pius XII. am 24. August 1939 an die Weltöffentlichkeit. Eine klare Verurteilung des „ungerechten Angriffskrieges“ war von der Kirche aber nicht zu hören, bedauert der Historiker Maximilian Liebmann. (Dr. Maximilian Liebmann ist emeritierter Professor für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Graz. Er befasste sich eingehend mit der Kirche während der NS-Zeit.)

Am 1. September 1939 begann mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen der Zweite Weltkrieg. Der im März 1939 zum Papst gewählte Pius XII. hatte bis zuletzt versucht, diesen Krieg mit öffentlichen Appellen und diplomatischen Initiativen zu verhindern. Eugenio Pacelli, der frühere Nuntius in Deutschland, wusste sehr genau über die Kriegsvorbereitungen des NS-Regimes Bescheid. Im April 1939 schlug er Mussolini eine Konferenz vor, die die Konflikte zwischen Deutschland und Polen bzw. zwischen Italien und Frankreich entschärfen sollte. Doch Hitler ließ dem Päpstlichen Gesandten wissen, „trotz allem Gebrülle“ könne er keine Kriegsgefahr sehen. Nach seiner Radioansprache (Nichts ist verloren mit dem Frieden …) wandte sich Pius XII. noch am 31. August mit einem eindringlichen Appell an die Regierungen in Berlin, Warschau, Paris, London und Rom. Vergebens. Am 20. Oktober schreibt Pius XII. in seiner Enzyklika „Summi Pontificatus“: „Das Blut unzähliger Menschen – auch von Nichtkämpfern – erhebt erschütternde Klage, insbesondere auch über ein so geliebtes Volk wie das polnische.“ Auf eine ausdrückliche Verurteilung Deutschlands verzichtet der Papst indessen bewusst. Als oberster Hirte der Kirche, die alle Völker gleichermaßen liebe, „haben wir uns äußerste Zurückhaltung auferlegt, um auch den Schatten einseitiger Parteinahme zu vermeiden“, sagte Pius XII. in seiner Weihnachtsansprache 1941. Und diese „Überparteilichkeit“ hielt er bis Kriegsende durch.

Finstere Stunde. Der Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann würdigt das prophetische Wort des Papstes in seiner Radioansprache. „Dann aber kam nichts mehr. Kein Wort des Papstes, kein Wort der deutschen und österreichischen Bischöfe, in dem der Überfall auf Polen als ,ungerechter Krieg‘ verurteilt worden wäre. Gleichzeitig legitimierten die Bischöfe den Einsatz junger Katholiken in der Armee Hitlerdeutschlands als Befehl einer ,von Gott eingesetzten Autorität‘ (siehe Römerbrief 13, 1–2). Damit“, so Liebmann, „wurde die Tragödie des Krieges auch zu einer finsteren Stunde der Kirche.“

Gehorsam und Gewissen. „Es war ein schwerer Fehler, dass die Kirche auch hinsichtlich der verbrecherischen Nazi-Diktatur daran festhielt, dass jeder der staatlichen Autorität den schuldigen Gehorsam zu leisten habe (Röm 13, 1)“, meint Liebmann. Dabei gehe es nicht darum, dass man versucht habe, mit dem kirchenfeindlichen Regime irgendwie auszukommen. Der Kern des Problems sei die theologische Position, dass man der staatlichen wie der kirchlichen Autorität einen beinahe absoluten Vorrang vor dem persönlichen Gewissen eingeräumt habe. Diese Lehre habe auch Franz Jägerstätter mit seinem Bischof in Konflikt gebracht. Dazu kam noch, dass Jägerstätter den Krieg gegen Russland als Verbrechen erkannt habe, während viele Bischöfe, auch der nazikritische „Löwe von Münster“, Kardinal Clemens A. von Galen, den Kampf gegen den Bolschewismus begrüßt hatten. „Umso bemerkenswerter ist es“, so Liebmann, „dass Jägerstätter deshalb seliggesprochen wurde, weil er seinem christlichen Gewissen gefolgt ist. Aber das erspart der Kirche nicht, ihre damaligen Irrtümer theologisch, biblisch und historisch-kritisch aufzuarbeiten und daraus die Konsequenzen zu ziehen. Denn das ist bisher kaum geschehen.“





ZUR SACHE

Bischöfe gehen bei Versöhnung voran


Zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit haben die katholischen Bischöfe Deutschlands und Polens aufgerufen. Bereits 1965, unmittelbar nach Abschluss des II. Vatikanischen Konzils, haben die deutschen und polnischen Bischöfe mit ihrem Briefwechsel einen wesentlichen Anstoß zu einem Weg der Annäherung und Versöhnung zwischen Polen und Deutschen gegeben.

In ihrer jüngsten Erklärung betonen die Bischöfe, dass das nationalsozialistische Deutschland am 1. September einen Krieg entfesselt habe, in dem „die fundamentalen Menschenrechte offen verneint und alle moralischen Prinzipien über Bord geworfen wurden.“ Der Krieg im Osten habe auf Vernichtung und Versklavung gezielt. Durch die Ausrottung der polnischen Intelligenz sollte die „Knechtschaft eines ganzen Volkes“ herbeigeführt werden. Gedacht wird in der Erklärung auch der Millionen Juden, die dem „Menschheitsverbrechen des Holocaust“ zum Opfer fielen, ebenso der ermordeten Sinti und Roma und der geistig Behinderten. In der Erklärung wird aber auch das Unrecht der Vertreibungen der Deutschen aus Polen verurteilt. „Dabei“, so die Bischöfe, „verkennen wir niemals den inneren Zusammenhang und die Abfolge der Geschehnisse.“

Entschieden spricht sich die Erklärung gegen alle Versuche aus, die historischen Gräuel „propagandistisch auszubeuten“ und Ressentiments zu schüren. Da nun die Augenzeugen des Krieges und der Nachkriegszeit, die „den Mut besaßen, Worte der Reue und der Vergebung auszusprechen und ein neues Kapitel in der Geschichte unserer Völker aufzuschlagen“, in den Hintergrund treten, sei es wichtig, die junge Generation zu einer verstärkten Zusammenarbeit zu motivieren, betonen die Bischöfe.
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