Der Militärputsch in Honduras am 28. Juni 2009 machte deutlich, dass die Demokratien in Lateinamerika wackelig sind
Ausgabe: 2009/41, Lateinamerika, Friedensnobelpreisträger, Adolfo Péreu Esquivel, UNESCO, US-Militärstützpunkte, USA, Menschenrechte, Hugo Chavez
07.10.2009
- Susanne Huber
Die Zeit der Militärdiktatur in seiner Heimat Argentinien hat er hautnah miterlebt. Seither setzt sich der 78-jährige Friedensnobelpreisträger Adolfo Maria Pérez Esquivel für eine gerechtere Welt ein. Auf seiner Europa-Tour machte er auch in Innsbruck Halt und gab Einblicke in die Situation Lateinamerikas.
In den meisten lateinamerikanischen Ländern gibt es Links-Regierungen. Beispielsweise in Brasilien, Bolivien oder Argentinien. Gefestigt sind diese Demokratien allerdings nicht. Das hat der jüngste Staatsstreich in Honduras gezeigt. „Der Putsch in Honduras ist eine ernste Bedrohung für die Stabilität der Demokratien in Lateinamerika. Wenn der Konflikt nicht friedlich gelöst wird, besteht die Gefahr, dass es auch in anderen Ländern Lateinamerikas, wo es Gruppen gibt, die sich gegen linke Regierungen stellen, wie etwa in Bolivien, zu weiteren Putsch-Vorfällen wie schon in der Vergangenheit kommen könnte“, so Esquivel.
Veränderungen. Seit Ende der 90er Jahre geht der Trend in Lateinamerika in Richtung Links-Regierungen. Auch in Venezuela. Viele mögen in Präsident Hugo Chavez einen Diktator sehen; für den Bürgerrechtler Esquivel ist er ein Revolutionär. „Ich kenne Venezuela seit mehr als 30 Jahren. Die Veränderungen, die Chavez für sein Volk gebracht hat, gab es in der Geschichte des Landes vorher nicht. Besonders in den Bergregionen herrschte vor seinem Amtsbeginn 1989 Armut, Mangel an fließendem Wasser, an Wohnungen, an Ärzten und an Bildung. Vergangenes Jahr hat die UNESCO mitgeteilt, dass es in Venezuela keinen Analphabetismus mehr gibt. Jahre zuvor lag die Analphabetenrate bei 70 Prozent. Natürlich gibt es Gegner, die ihn kritisieren. Aber die Vorteile, die er seinem Volk gebracht hat, überwiegen.“ Auch in Bolivien habe Präsident Evo Morales das Land in den Bereichen Arbeit, Gesundheit und Erziehung entwickelt. Generell gebe es in Lateinamerika auch wichtige Projekte in Richtung Integration der verschiedenen lateinamerikanischen Völker. „Trotz aller Probleme, die es noch gibt, sehe ich den Weg Lateinamerikas als einen Weg der Hoffnung.“
Verletzte Menschenrechte. Ein Land, das den demokratischen Weg noch nicht eingeschlagen hat, ist Kolumbien. Dort besteht Demokratie nur formal. Präsident Alvaro Uribe regiere autoritär und verletze die Menschenrechte, so Esquivel. „Vor zwei Jahren habe ich in Kolumbien ein internationales Tribunal geleitet, das Beschwerden in Verbindung mit Menschenrechtsverletzungen untersucht und verurteilt. Es gibt in Kolumbien Paramilitärs, Polizei, Drogenhändler. In der Provinz Cauca im Südwesten des Landes leben vor allem indigene Völker. Es gab dort Massaker an Ureinwohnern und Kleinbauern. Immer wieder kommt es zu Terror von paramilitärischen Gruppen. Das führte in Folge zu vier Millionen kolumbianischen Flüchtlingen.“
Im Blick
US-Militärstützpunkte
In den Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika habe sich auch nach der Wahl Obamas zum US-Präsidenten nichts geändert, analysiert Pérez Esquivel. Unter dem Vorwand, den Drogenkrieg und den Terrorismus zu bekämpfen, installierte die USA sieben US-Militärstützpunkte in Kolumbien und eine im Dreiländereck Argentinien, Paraguay und Brasilien. Für Esquivel stecken andere Intentionen dahinter: „Es geht den USA darum, den Drogenhandel zu kontrollieren und an die Süßwasserreserven im Dreiländereck zu gelangen.“ Obama habe sicher einen guten Willen, möchte Dinge verändern, Guantanamo schließen, eine Gesundheitsreform einführen; doch es scheint ihm nicht zu gelingen. „Die Macht in den USA haben andere“, so Esquivel.