Alle wollen lieben, und jede/r will geliebt werden. Trotzdem ist das im Beziehungsalltag oft gar nicht so einfach zu leben.
Die erste Regel für eine funktionierende Beziehung findet Julia Onken im Christentum: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer sich selbst lieben möchte, muss aber „zumindest eine Ahnung von sich selbst“ haben, wie die Schweizer Psychologin sagt. Und nichts sei mühsamer, als sich selbst kennenzulernen. Wer eine beste Freundin oder einen besten Freund hat, kann sich selbst bei einem Gespräch mit ihr oder ihm zuhören, denn dort reden wir über unsere Gefühle und sind ehrlich.
Bei sich anfangen. Bei sich anzufangen, ist nicht bequem. Viel einfacher ist es, das Verhalten des Partners zu kritisieren und ihn ändern zu wollen. Aber Verändernwollen heißt für Onken: „So, wie du bist, liebe ich dich eigentlich nicht.“ Jeder Mensch entwickelt sich aber mit seinen Voraussetzungen zum Besten. „Liebe bedeutet: Wenn ich den Partner meine, wie ihn die Schöpfung gemeint hat, wie er sich entwickelt hat“, so die Psychologin.
Beziehungsfallen. Julia Onken formuliert einige Fallen, in die Paare leicht geraten:
- Wir machen alles gemeinsam. „Das kann eng werden“, meint Julia Onken. Jede/r sollte eigene Hobbys und Vorlieben beibehalten, denn das sind Oasen. Wenn eine begeisterte Seglerin ihren Sport aufgibt, um mit dem Mann zu joggen, ist sie eine „trockengelegte Seglerin“. Wenn sie eine Kränkung erlebt, wäre gerade das Segeln gut, weil sie dabei regenerieren kann. Und wenn der Partner Motocross-Rennen liebt, dann kann sich seine Frau mit ihm freuen, aber sie muss nicht mitgehen.
- Harmonie um jeden Preis. Wenn Julia Onken von einem Paar hört: „Wir streiten nie“, sagt sie: „Schade.“ Eine gute Streitkultur hält sie für „vitalisierend“. Die wichtigsten Regeln beim Streiten sind aber, nie unter die Gürtellinie zu gehen und von „ich“ zu sprechen und nicht von „du“.
- Sexualität. Oft kommen Paare zu Julia Onken, die klagen: „Bei uns geht nicht mehr so viel im Bett.“ Bei jüngeren Paaren kommt diese Krise meistens mit dem ersten Kind. Die Mutter projiziert alle Liebe in das Kind und ist „liebend abgedeckt“. Die Psychotherapeutin rät den Männern, einen Kochkurs zu besuchen, statt Verführungskünste zu üben. Eine Frau, die den ganzen Tag Dienstleistungen erbringt, hat keine Energie mehr für einen romantischen Abend. An ältere Paare gerichtet meint sie: „Ich bin der Meinung, alles hat seine Zeit.“ Sie zweifelt, ob es in der menschlichen Natur liegt, bis ins hohe Alter sexuell aktiv zu sein. Dafür nimmt mit dem Alter die Fähigkeit der „sinnlichen Wahrnehmung“ zu, zum Beispiel, dass man die Veränderungen im Jahreskreis der Natur bewusster wahrnimmt.
- Gewohnheit. Gewohnheit ist problematisch, weil Partner sich nicht mehr bemühen. Das ist „das Gegenteil von festlich aufeinander freuen“, wie Onken sagt. Sie regt an, Achtsamkeit zu üben, die beim Kennenlernen selbstverständlich da ist: Da achtet man auf jedes Wörtchen des anderen. „Wenn ich einmal begriffen habe, dass das menschliche Wesen die Handschrift der göttlichen Schöpfungsintelligenz trägt, dann kann ich nicht mehr nachlässig mit jemandem umgehen“, meint Julia Onken. Dann kann man auch „das Wunder des Älterwerdens“ wahrnehmen.
Dankbarkeit üben. Ihre Anregung gegen eingeschlichene Gewohnheit: „Ein paar Morgenstunden darüber nachdenken, über das Wunder des Lebens, und in sich ein bisschen Dankbarkeit dafür erzeugen, dass ich auf der Welt sein kann.“