Die Welt ist und bleibt ungerecht, aber jeder kann etwas dagegen tun, sagt Pater Wolfgang Pucher aus Graz. Beim Diözesantag der katholischen Männerbewegung zeigte er, wie es gehen kann.
Was kann das Baby dafür, dass es im Armenviertel von Istanbul auf die Welt gekommen ist – und nicht im Stadtteil der Reichen – oder in Kalkutta oder in Zentralafrika? Noch so gescheit und tüchtig kann es sein – es wird verrecken in Armut. Was kann ein Mensch für seine angeborene Rechtschreibschwäche oder sein schlechtes Gedächtnis – wie zum Beispiel Pater Wolfgang Pucher aus Graz? Lange hatte er mit solchen „Schwächen“ zu ringen. Vielleicht hat der Gründer der Vinzi-Dorfgemeinschaften für Obdachlose in Graz gerade deshalb ein Gespür für die Armseligen entwickelt, weil er es selbst nicht leicht hatte. Am 24. Oktober war Pucher Gast beim Diözesantag der katholischen Männerbewegung im Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels. Zum Jahresschwerpunkt „Gerechtigkeit“ sollte er Impulse zu geben. Wie er es tat, machte die rund 350 Männer und Frauen betroffen.
Die nahe Armut. „Auf der Welt geht es ungerecht zu und wird es immer ungerecht zugehen!“, sagt Pucher. Aber er spricht weniger vom „fernen“ Unrecht, wie etwa von der „dreckigen Sauerei“, dass Bankenmanager in den USA inzwischen schon wieder mehr verdienen als vor der Krise. Aber dagegen können die rund 350 Männer und Frauen im Saal von Schloss Puchberg wenig ausrichten.Sehr wohl können sie, die die Gnade genießen, auf einem guten Platz auf der Welt leben zu dürfen, etwas bei sich selbst ändern. „Wann haben Sie zum letzten Mal einem Bettler die Hand gegeben – ihm Aufmerksamkeit geschenkt?“ bringt Pater Pucher die Frage auf den Punkt. Für ihn hängt sie mit dem Grundauftrag des Evangeliums zusammen: „Ich war hungrig - und ihr habt mir zu essen gegeben!“ Seit 1973 ist Pucher Pfarrer in Graz. Als in den frühen Neunzigerjahren in Graz plötzlich die Bettler aus der Ostslowakei auftauchten, ging er der Sache auf den Grund. Niemand sprach mit diesen, alle wollten sie nur weg haben aus der Stadt. Es waren die ausgestoßenen Roma, für die es nirgendwo Platz gab. P. Pucher erzählte vom schwierigen Weg zum Aufbau eines Containerdorfes in Graz, vom Widerstand der Bevölkerung und vom Wunder, dass es letztendlich doch gelungen ist. „An die Wunder der Bibel wörtlich zu glauben, habe ich mich schwer getan“, erzählt der Pfarrer. „Aber jetzt bin ich felsenfest überzeugt, dass Gott hilft, wenn man das Seine getan hat und dann doch ansteht.“
Zwei Hauptsünden. Zwei Hauptsünden benennt P. Pucher für unserer Zeit: die Sünde der Unachtsamkeit zunächst: dass man den Bettler gar nicht mehr sieht. Dass einem die Not nicht mehr auffällt. Und dann die zweite: die Sünde der Distanz. Menschen, die schwierig sind, geht man aus dem Weg. „Lieber spenden wir – gegen die ferne Armut“, sagt Pucher. Er nennt sie „schöne Armut“, die einen selber nicht betrifft – für Kinder, Katastrophen, für – in der Statistik an dritter Stelle – Tiere. „Die „schöne Armut“ findet offene Herzen, aber bei der hässlichen Armut gehen Menschen auf Distanz. P. Pucher hält das Bild eines völlig verwahrlosten Mannes empor, der im eigenen Dreck und Müll hauste. Im Vinzidorf haben sie ihn aufgenommen. Dort hat er seine Würde wiedergefunden. Dort starb er. Jeder kann etwas tun“, sagt P. Pucher. Und „niemand braucht mehr tun als er kann!“ Das wäre schon viel. Und er rät, sich selbst diese Frage zu stellen: „Wie würde ich jetzt entscheiden, wenn ich das Problem dieses Menschen hätte?“ Da sähe, sagt Pucher, die Welt anders aus.
Eine Heiligsprechung. Aber auch von der Politik erwartet sich Pucher etwas. Die Ankündigung des Landeshauptmannes Josef Pühringer, dass die Landesregierung laut Koalitionsvereinbarung jährlich das Sozialbudget um das Doppelte des Gehaltsabschlusses für Beamte aufstocken werde, kommentiert er erfreut: „Dafür soll man Sie heiligsprechen – aber sorgen Sie dafür, dass die anderen Bundesländer das auch tun.“
Zum Thema
Männerbewegungfür Gerechtigkeit
In den kommenden Monaten wird die Katholische Männerbewegung die Frage der Gerechtigkeit in den Vordergrund rücken. Beim Diözesantag rückte Obmann Franz Gütlbauer Kernanliegen in den Mittelpunkt: In einer reichen Wohlstandsgesellschaft müssten alle menschenwürdig leben können. Daher braucht es ein ausreichendes Grundeinkommen für alle. Besonderes Augenmerk will man in der KMB auf die Gerechtigkeit zwischen den Generationen legen. Pensionisten, die überwiegend eher beim Existenzminimum liegen, dürfe man nicht gegen die Jungen ausspielen.
Regional und fair. Besonders will sich die KMB für Bauern und Kleingewerbetreibende einsetzen. Diese befänden sich in einem schwierigen Überlebenskampf. Ihre Leistungen als Nahversorger seien unverzichtbar. Die KMB bewirbt daher den Verkauf regional und fair gehandelter Produkte aus Partnerländern.