„Immer mehr Kinder sind respektlos.“ Das liege nicht an fehlender Erziehung, sondern an mangelndem psychischem Reifegrad, sagte Kinderpsychiater Dr. Michael Winterhoff bei der Generalversammlung des Christlichen Lehrervereins CLV am 4. November in Linz.
„Tyrannen müssen nicht sein“, sagte der deutsche Kinderpsychiater, der zu diesem Thema auch zwei viel gekaufte Bücher geschrieben hat. Winterhoff ortet Beziehungsstörungen.
Tausendmal üben. Wer Kinder wie Partner behandelt, überfordert sie. Man könne nicht davon ausgehen, dass ein paar Mal Reden zum Begreifen und damit zum erwünschten Handeln führt. Psychische Funktionen, etwa die Fähigkeit, Frustrationen auszuhalten oder der Sinn für Pünktlichkeit kommen nicht automatisch. Diese müssen dem kleinen Kind abverlangt und dann eingeübt werden. Hundertmal etwas sagen und tausendmal üben! Die pädagogischen Konzepte heute fußen oft nicht auf der Vorstellung, Kinder seien Kinder, sondern auf der Vorstellung, Kinder seien Partner. Zentrale Aufgabe der Eltern sei aber führen, lieben und führen.
Machtumkehr. Oft komme es zur Umkehr, die die Kinder psychisch überfordert: Eltern suchen im Kind, was sie in der Welt vermissen: Orientierung, Anerkennung, Sicherheit. „Wenn mich da draußen keiner liebt, soll mich mein Kind lieben.“ So kommt es zur Machtumkehr. Auch Großeltern erziehen in der Angst, die Liebe des Kindes zu verlieren, wenn sie Grenzen setzen und streng sind.
Nachreifen lassen. Winterhoff erzählte vom Wandel in seiner Praxis: Vor 15 Jahren waren die Kinder, die zu ihm kamen, begeisterungsfähig. Heute reagieren sie kaum, sind mürrisch, abweisend. Sie zeigen ein auffälliges Verhalten, obwohl die Eltern alles für sie getan haben. Die Kinder können sich nicht auf Erwachsene einstellen, sondern richten die Erwachsenen auf sich aus. – Dieser Befund sprach den Lehrerinnen und Lehrern aus der Seele – das zeigte der viele Applaus. Der Psychiater, der mehrmals betonte, kein Pädagoge zu sein, erntete auch mit seinen Schlussanregungen viel Zustimmung: Weg von der Methodendiskussion! Die Lehrer müssen die Möglichkeit haben, sich mit einer Methode zu identifizieren. Und: Kinder als Kinder sehen, also z.B. Hausaufgaben kontrollieren. Schließlich ein Zuspruch: Kinder können nachreifen! Winterhoff empfiehlt ein Jahr Vorschule, in dem Kinder schulreif werden können.