Gastbeitrag. Qualitätvolle Förderung schafft Voraussetzung für Integration
Ausgabe: 2009/48, Mühlberger, Caritas, Integration, Gastbeitrag, Kinder
25.11.2009
- Mathias Mühlberger
Integration ist in Österreich ein Hauptfeld der politischen Auseinandersetzung. Am „Fall Zogaj“ wird das deutlich. Die KirchenZeitung bat Caritas-Direktor Mathias Mühlberger um einen Gastbeitrag.
Auch wenn die Stimmung durch die mediale Berichterstattung mittlerweile schon emotional so aufgeheizt ist, dass viele vom Fall Zogaj am liebsten gar nichts mehr hören würden: Einen Vorteil hatte die Auseinandersetzung damit dennoch. Erstmals wurde uns eindrücklich vor Augen geführt, wie das so sein könnte, wenn man nicht mehr in die Heimat zurück will, weil man dort so gut wie keine Zukunft hat. Wie das so sein könnte, wenn man einfach ein besseres Leben für sich und seine Familie möchte. Und wie das so sein könnte, wenn man als junges Mädchen hier seine Freunde hat, Deutsch gelernt hat und nicht versteht, warum man sie aus diesem – ihrem – Leben herausreißen will. Eine ähnlich intensive – wenn auch nicht in dieser Form emotional geführte – Auseinandersetzung würde ich uns in Österreich mit dem Thema „Integration“ wünschen. Ich würde uns die gleiche Vehemenz bei der Umsetzung von Integrationsmaßnahmen wünschen, wie sie die Regierung mit der wiederholten Verschärfung des Asyl- und Fremdenrechts an den Tag legt. Denn das Bemühen um eine gelingende Integration ist eines der zentralen Zukunftsthemen und Basis für soziale Balance.
Die Stärken sehen. Dazu bedarf es jedoch einer Veränderung von Sichtweisen. Zugewanderte dürfen nicht länger als Defizitträger und schon gar nicht als potenzielle „Kriminelle“ wahrgenommen werden. Wir müssen uns endlich damit anfreunden, dass wir Zuwanderung brauchen, weil wir in verschiedenen Wirtschafts- und Lebensbereichen bereits jetzt nicht ohne sie auskommen. So sind z.B. in der Altenpflege schon viele Migrant/innen tätig. Und wir sollten unseren Blick darauf lenken, welche Potenziale und Fähigkeiten sie mitbringen. Das wäre generell ein anzustrebender Blickwinkel auf Menschen in unserer Gesellschaft. Nicht die Schwächen sollten im Vordergrund stehen, sondern die Stärken, die jeder Mensch in sich hat.
Fördern von klein auf. Und diese Stärken gehören gefördert – der erste wichtige Ansatzpunkt dafür ist eine qualitätvolle Förderung bereits als Kleinkind, im Kindergarten. Das verpflichtende Kindergartenjahr ist zwar eine wichtige Maßnahme, doch die nötigen Rahmenbedingungen und zusätzlichen Ressourcen, um eine gute Qualität der pädagogischen Förderung sicherzustellen, werden derzeit leider von der Politik fast völlig außer Acht gelassen. Der Kindergarten sollte auch als Anknüpfungspunkt für Elternarbeit genutzt werden – um Bewusstsein über den Wert einer guten Bildung zu schaffen. Denn diese ist der Schlüssel für mehr Chancen: mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt, mehr Teilhabechancen generell. Das gilt für Zugewanderte ebenso wie für „Einheimische“. Gleichzeitig muss der Armutsbekämpfung und Absicherung unseres Sozialsystems größtes Augenmerk geschenkt werden, um allen gleiche Chancen auf eine gute Zukunft zu eröffnen.