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Weil Gott auch im Gefängnis wohnt

Ausgabe: 2009/51, Gefängnis, Schuld, Gottesdienst, Häftlinge, Justizanstalt, Vormayr
17.12.2009
- Matthäus Fellinger
„Und vergib uns unsere Schuld.“ So beten auch die Häftlinge in der Justizanstalt Linz beim Gottesdienst am Samstag Morgen. Eine Stunde, in der sie nicht nur ein Stück der Strafe „absitzen“, sondern in der sie sich ihrer Menschenwürde vergewissern können.

Elf waren es heute Nacht, sagt der Justizwachebeamte Thomas Lüftner. Der Arbeitsplatz des Pregarteners ist das Eingangstor der Justizanstalt in der Pochestraße in Linz. Jetzt, am frühen Samstagmorgen, öffnet er die Tür noch einmal; diesmal nicht für einen neuen Häftling, sondern für den Gefängnisseelsorger und für seine Begleiter. Jeden Samstag Morgen ist Gottesdienst im Gefangenenhaus. Markus Vormayr, den Seelsorger, kennen die Beamten hier. Die beiden Musiker Philipp Schobermayr und Bernhard Kadner hatten noch gestern Abend ihren Auftritt mit den „Sonic Stingrays“, heute um halb sieben sind sie trotzdem schon da, um mit Musikern aus dem Gefangenenhaus zusammen den Gottesdienst zu gestalten.
G. zum Beispiel. Er ist ein hervorragender Sänger. Er wollte, sagt er, sogar einmal Priester werden. Er war arbeitslos, zwei Kinder sind da. G. bekam Geldprobleme. Einen Monat war er jetzt Untersuchungshäftling, zu 18 Monaten wurde verurteilt – wegen eines Betrugsdeliktes. Am Mittwoch wird er nach Suben überstellt. Jetzt, vor dem Gottesdienst, richtet er die Kapelle her, zündet Kerzen an.

Ein Höhepunkt im Gefängnisalltag. Gut 30 Häftlinge kommen um halb acht in die Kapelle. Rund 200 sind es insgesamt im Haus. Auf jeden Sessel hat Markus Süßigkeiten gelegt. Eine Aufmerksamkeit. Es ist ja gerade Nikolaus. Hinten in der Kapelle, getrennt von den Männern, nehmen die Frauen Platz. Die Stimmung im Raum entspricht keineswegs der trüben Stimmung des nebeligen Morgens. Der Gottesdienst würde der erste und wohl auch letzte Höhepunkt für die Gefangenen an diesem Wochenende sein. Für die einen bedeutet er eine willkommene Abwechslung. Für andere ist er eine Zeit zur Besinnung. „Das Häfn ist nichts Schlechtes“, sagt einer der Beamten, der schon 30 Jahre hier Dienst tut. „Da haben die Leute ihren Tiefpunkt erreicht – und ab jetzt kann es wieder bergauf gehen.“

Bestimmt nie wieder. Bergauf auch für den junge KFZ-Mechaniker S.? Eine Urkundenfälschung, sagt er, ist der Grund seines Aufenthaltes hier. 10 Monate hat er hinter sich, 14 noch vor sich. Zum Gottesdienst kommt der junge Serbe mit griechisch-orthodoxem Bekenntnis gerne. Das gehört für ihn auch sonst zum Leben. Er freut sich, dass er mit den „Profimusikern“ heute Gitarrespielen darf. Gott sei Dank! Die Freunde vergessen ihn nicht. Die Familie hält zu ihm. „Es steht nicht dafür.“ So denkt er jetzt über die Straftat, die er begangen hat. So was würde er bestimmt nicht wieder machen. Wenn man sich entsprechend verhält, kann man gut mit den Beamten auskommen, sagt er, es gäbe keinen Grund zur Beschwerde.„Glaube, Hoffnung und Liebe von Gott, unserem Herrn, sei alle Zeit mit euch“, begrüßt Seelsorger Markus Vormayr die versammelten Häftlinge und Beamten. Der Gottesdienst beginnt wie in vielen anderen Kirchen Oberösterreichs auch. Für Gott gibt es keine Gefängnismauern. Nach jedem Lied der Band gibt es Applaus. Auch für Ines, die ein meditatives Gedicht über die Einsamkeit vorträgt – und später ein Gedicht für einen in der Zelle verstorbenen Mithäftling. Er hat hier lange Mesnerdienste in der Kapelle geleistet. Am Mittwoch würde er begraben werden.
Es ist eine vielsprachige Gottesdienstgemeinde, die in der Gefängniskapelle versammelt ist. Untersuchungshäftling N. trägt die Lesung auf Englisch vor. Nur alle zwei Wochen darf er am Gottesdienst teilnehmen. Sie wollen nicht, dass ich mich mit meinem „Komplizen“ absprechen kann, sagt er.
„Was krumm ist, soll gerade werden.“ So heißt es im Evangelium, das auf Englisch und Deutsch gelesen wird. Der junge M. hat eine russische Bibel in der Hand, liest den Text mit.Wie sein Leben wieder gerade werden könnte, das geht auch G. durch den Kopf. Mit der Haftvergangenheit würde es nicht leicht werden, in einem sozialen Beruf Fuß fassen zu können, fürchtet er. Vor dem Weg zurück in die Zellen bekommen sie vom Seelsorger einen Adventkalender angeboten. Viele nehmen ihn mit in die Zellen. Jeden Tag ein Fenster. Für manche würde es ein langes Warten sein, bis dann doch die Tür aufgeht.





Advent im Gefängnis

Bischöfe besuchen Justizanstalten. Es ist Tradition, dass Oberösterreichs Bischöfe vor Weihnachten auch die Insassen in den Gefängnissen besuchen. Diözesanbischof Ludwig Schwarz wird in die Justizanstalten von Linz, Suben und Ried kommen, Bischof em. Maximilian Aichern kommt in die Justizanstalten von Wels, Asten und Garsten.

Unterstützung. Musik Markus Vormayr ist Gefangenenseelsorger in der Justizanstalt Linz und in Asten. Zur Unterstützung der Seesorge bittet er um Spenden für den Ankauf von fremdsprachigen Bibeln, Büchern und anderen Materialien, auch um Musikinstrumente (Trommeln, Gitarre). (Konto Nr. 80004415600 der Raiffeisenbank Rüstorf, BLZ 34630, „Gefängnisseelsorge“). Sachspenden können bei den Marienschwestern in Linz, Friedensplatz 1, abgeben werden.
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